Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
- Article
- Die älteste jüdische Erziehungsanstalt Berlins
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 155 - 156 (sequence 2)
- Language
- German
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155 Die älteste jüdische Erziehungsanstalt. 156 wesenen Hause befindliche Gartengebäude, dienen. In diesem Gebäude soll der Lehrer dieser Thora-Lehransküt sowie die Zöglinge derselben beständig freie Wohnung und dann ein bestimmtes Lehrzimmer haben, worin das Studium der Thora betrieben wird, außerdem Beköstigung und Beleuchtung. Es soll eine eigene Köchin, die zugleich die Wirtschaft führt, sowie auch besonders eine Frau als Aufseherin, welche für die Reinlichkeit der Kinder zu sorgen hat, angenommen und aus der Stiftung gehörig salariert werden. Auch sollen die Kuratoren die Kinder in gleicher Weise kleiden. Die jedesmaligen Vorsteher der Talmud Thora sollen die Lehranstalt beständig bestens beaufsichtigen, daß alles in Ordnung gehalten und das Studium mit Fleiß betrieben werde. Wenn die Knaben ihr sechzehntes Lebensjahr erreicht haben, soll dem, der in der Lehranstalt fleißig gewesen und mit Nutzen gelernt hat, zu einem ferneren Fortkommen nach Gutdünken der Vorsteher der Talmud Thora von den Kuratoren eine Gabe überreicht werden. Der jedesmalige Oberrabbiner oder Vizeoberrabbiner allhier ist als wirklicher Kurator eingesetzt. Dieser soll zu jeder Zeit zwecks Erleichterung der Geschäftsführung zwei angesehene und wohlhabende Männer zu Aufsehern und Disponenten wählen." Der Grundgedanke der Stifterin war, begabten Kindern mittelloser Eltern eine gute körperliche und geistige Erziehung angedeihen zu lassen in den Jahren, wo sie deren am meisten bedürfen. Die Erziehung soll auf jüdischer Grundlage beruhen, die Kinder sollten in der Thora und in der weltlichen Wissenschaft unterwiesen werden. Auf derselben Basis beruht das Institut bis auf den heutigen Tag, trotz der weitgehenden Umgestaltung, die es erfahren hat. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde die Anstalt derart erweitert, daß sie, statt wie bis dahin nur acht, in Zukunft die doppelte Anzahl von Zöglingen aufnehmen konnte. Bis 1916 blieb deren Zahl auf achtzehn bestimmt, da aber die Verpflegung während des Krieges nach und nach mit wachsenden Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, beschloß das Kuratorium, die Zahl auf fünfzehn herabzusetzen. Die Anstalt ist jetzt in weiten Räumen untergebracht und wird nach modernen pädagogischen Grundsätzen geleitet. Die Zöglinge besuchen durchweg die höheren Schulen; die Anstalt entrichtet das Schulgeld. Die städtischen Schulen gewähren den Zöglingen Freiplätze. Aber die Zahl der Freiplätze hat sich merkwürdigerweise in den letzten Jahren von neun auf drei vermindert. Eine Reihe tüchtiger Menschen, die in der Gesellschaft ehrenvolle Stellungen einnehmen, ist aus der Anstalt hervorgegangen. Die meisten widmeten sich nach Erlangung des „Einjährigenzeugnisses" dem Kauftnannsstande. Manche haben ihre Dankesschuld an die Anstalt durch namhafte Vermächtnisse abgetragen. Als Direktoren der Anstalt funktionierten einige der berühmtesten Männer der Berliner Judenheit, z. B. Baruch Auerbach, der Gründer der nach ihm benannten Waisenhäuser der jüdischen Gemeinde, ferner Dr. DavidCassel, der zu den bedeutendsten Vertretern der Wissenschaft des Judentums gehörte. Eine kurze Zeit wurde die Anstalt von dem genialen. Sprachforscher Dr. Georg H u t h geleitet, dessen früher Tod einen schwer-en Verlust für die Linguistik bedeutete. Indessen sind große Gelehrte nicht immer die besten Pädagogen. Namentlich zur Führung eines Internates gehören ganz besondere Eigenschaften, da ein solches den Jungen nicht nur die Schule, sondern auch das Elternhaus ersetzen soll. Geduld und Strenge, Ernst und Seelenheiterkeit, väterliche Liebe und erzieherische Festigkeit müssen sich in der Persönlichkeit eines solchen Leiters vereinen. Dazu kommt, daß das Lebensalter zwischen dem achten und dem sechzehnten Jahr bei den Knaben das ungebärdigste und unlenkbarste ist. Den Kindern soll das jüdische Milieu mit allen seinen Stimmungen, Sitten, Bräuchen und Erinnerungen geboten werden, damit es in ihnen im ferneren Leben nachwirke und sie im Vereine mit der öffentlichen Schule zu tüchtigen und brauchbaren modernen Menschen heranbilde, die in höheren Lebensstellungen dem jüdischen Namen Ehre machen. Treffend charakterisiert der jetzige Direktor der Anstalt seine Aufgabe mit den Worten eines hervorragenden Pädagogen: „'Eltern, die ihre Kinder zu brauchbaren, offenen und redlichen Menschen erzogen haben, werden so wenig über Undankbarkeit zu klagen haben, wie Lehrer, die den Erzieherberuf mit Pflichttreue, Ehrfurcht, Teilnahme an und Liebe zu der Jugend und dem nötigen Können erfüllen." Direktor Dr. Götz fährt fort: „Wie manche Mutter sagte es mir: ,Das bißchen Essen hätte auch ich meinem Kinde geben können, aber ich danke es Ihnen, daß Sie ihm die Wohltat durch das väterliche Gefühl, das Sie ihm entgegenbrachten, versüßten." Das gegenwärtige Kuratorium, welches von dem Rabbiner Dr. S. Weisse als Oberkurator und den Disponenten Di. James Simon und Dr. Carl Leopold Netter gebildet wird, hatte in den Kriegsjahren mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Dr. Netter schenkte der Ansialt wiederholt große Summen, um die Fehlbeträge zu ersetzen, welche infolge des Krieges durch den Wegfall verschiedener Einnahmen entstanden. Dr. James Simon stiftete den Betrag von 100 000 M. zwecks Ankaufs eines Grundstückes zur Errichtung eines neuen Hauses für die Anstalt. Das segensreiche Institut soll nämlich, wenn die Zeiten ruhiger geworden sind, ein neues Heim beziehen, welches den Anforderungen der Neuzeit in hygienischer Beziehung besser entspricht. Hoffentlich findet das großherzige Beispiel vielfältige Nachahmung. .