Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 5/6 Mai-Juni 1919 XDL Jahrg. DIE KULTURELLE BEDEUTUNO DER HEBRAEISCHEN SPRACHE FUER DIE JUDEN. WELTSPRACHEN UND KULTURSPRACHEN. Gleichwie die Weltherrschaft eines Volkes keineswegs ein Beweis ist für die Ueberlegenheit seiner intellektuellen und ethischen Anlagen, so ist auch die Ausbreitung einer Sprache über einen größeren Teil der bekannten Kültürwelt, was sie zur Weltsprache erhebt, keineswegs eine Folge ihres' inneren Wertes, nämlich der : Schönheit ihres Klanges und des Reichtums ihrer Ausdrucksinöglichkeiten, die sie zum geschmeidigen Instrument menschlicher Gedanken und Gefühle in allen ihren Schattierungen macht. Eine Weltsprache braucht nicht immer eine Kult Ursprache zu sein. Vier semitische Sprachen sind im Verläufe der Zeit irr einem mehr oder weniger ausgedehnten Sinne Weltsprachen gewesen; Assyrisch, Phönizisch, Aramäisch, Arabisch, beherrschten den Handel, die Diplomatie, das Heerwesen, die Technik und die Wissenschaft, so daß sie weit über ihren ethnischen Bereich hinausgriffen und fremde Völker aus praktischen oder ideellen Gründen gezwungen waren, sie zu erlernen. Von diesen vier Sprachen gebührt jedoch mir dem Arabischen der Rang einer Kultursprache, sie allein ist befähigt, die höchsten Gedanken und feinsten Empfindungen des Menschen auszudrücken und hat Literaturschätze aufzuweisen, die für fremde Völker und ferne Zejten Wert behalten. Vom Assyrischen (wie vom Aegyptischen) gilt dies nur zum Teil, ihre Hervorbringungen kommen hauptsächlich für das Verständnis' der Anfänge unseres kulturellen Lebens in Betracht. Nur eine Sprache hat es im Altertum gegeben, die ihre Stellung als Weltsprache sich durch ihren hohen, ja höchsten Rang als Kultur spräche redlidh verdient hat: das Griechische. Keine ist gleich ihr schön an Klang, ohne daß die Klangschönheit den geistigen Inhalt überwiegt und zum Selbstzweck wird, keine ist so reich an Formen, ohne überladen zu sein, so geschmeidig und ausdrucksfähig für alle Bedürfnisse des menschlichen Gedanken- und Empfindungslebens in allen seinen feinsten Schattierungen. Seine Weltherrschaft verdankte das Griechische, im Gegensatz zum Lateinischen, nicht der politischen Machtstellung des Volkes, dessen Schöpfung es war, sondern seiner geistigen Begabung und der unvergleichlich vielseitigen und unerschöpflichen Arbeit, die es leistete. Das sicherte dem Griechischen die geistige Weltherrschaft auch nach dem Verschwinden der politischen Selbständigkeit des Griechentums, ja3 für alle Zeiten. Ein Zeitalter, welches Griechisch ganz vergessen und den unmittelbaren Zusammenhang mit seinen Originalschöpf un.gen. verlieren würde, wird, ähnlich der Epoche 2 wischen dem fünften Jahrhundert und dem Aufdämmern der Renaissance, in die Barbarei zurücksinken. In Wissenschaft, Kirnst und Philosophie haben die Hellenen, wie es scheint, die Linien vorgezeichnet, die die Kultunnenschheit bis ans Ende der Tage wandeln wird, gleich wie die Juden es in der Religion und der Ethik getan haben. So vieles seither erdacht und entdeckt worden ist, alles hat seine Wurzel im griechischen Denken, ja, oft erscheint es nur als eine Entfaltung von Gedanken, die in eiHiem griechischen Hirn ausgebrütet wurden,