Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 3/4 März- April 1919. XIX. Jahrs. DIE HEBRÄISCHE SPRACHE UND DAS JÜDISCHE VOLK. SCHRIFTSPRACHE UND UMGANGSSPRACHE. Im Schicksal des jüdischen Volkes walten zweifelsohne dieselben geschichtlichen und soziologischen Gesetze, die die gesamte Entwicklung der iVölkerwelt beherrschen. Aber eben dieselben (uberorganischen) Gesetze haben dieses Schicksal zu einem eigenartigen und ausnehmlichen gestaltet. Auch im ganzen Bereiche der organischen und unorganischen Natur herrschen dieselben ehernen physikalischen, chemischen und biologischen Gesetze; aber eben diese Gesetze haben einzelnen Objekten und ganzen Gruppen eine Sonderstellung angewiesen. Nur kennen wir uns in den geschichtlichen und soziologischen Gesetzen noch lange, lange nicht so gut aus wie in den Gesetzen der Natur. Die Eigenartigkeit und Annehmlichkeit, die das Schicksal des jüdischen Volkes kennzeichnet, ist auch das Merkmal seines Verhältnisses zur hebräischen Sprache. Es ist leicht gesagt, daß der Zusammenhang zwischen den Juden und der hebräischen Sprache ein künstlicher sei. Wer wird es wagen, zwischen Natur und Kunst eine genaue Grenzlinie zu ziehen? Ist nicht das ganze Kulturleben der Menschen etwas Künstliches? Das „Künstlichste" in der Welt ist wohl — die Kunst, die doch zu den höchsten Ausdrucksformen des menschlichen. Geisteslebens gehört. Sobald die Kunst nichts mehr sein will als Natur, das heißt: ihr roher „ungekünstelter" Ahklatsch, wird sie barbarisch. Zu Rousseaus Predigt der Rückkehr zur Natur und dessen naiver Verhimmelung des „Naturmenschen" bemerkte Voltaire: Wenn man das liest, bekommt man ordentlich Lust, auf allen vieren zu kriechen. Und in der Tat, sobald der Mensch aufhörte, auf allen vieren zu kriechen und die ersten Stufen der Kultur erklomm, führte er das Element des Künstlichen in sein Leben ein, entfernte er sich schon von der Natur. Doch nein, er entfernte sich nicht von ihr, sondern folgte eben nur seiner Natur. Denn die Kultur ist in der Natur des Menschen gelegen. Die Beherrschung der Natur durch den Menschen besteht darin, daß er ihr ihr Wesen und ihre Gesetze ablauscht und ablistet und s_ie in den Dienst seiner künstlichen Zwecke stellt, sich aber dabei ihr immer mehr anpaßt und mit ihr verflicht. Und gera.de wenn, der Mensch die ihm vorgezeichnete, aufwärts führende Linie nicht verfolgt, das „Künstliche" aus seinem Dasein ausschaltet, verfällt er in die Unnatur, sinkt auf die Stufe der Barbarei zurück. Mit dem Schlagwort der „Künstlichkeit" im Verhältnis der Juden zur hebräischen Sprache ist es also nichts. Ebenso irrig ist es, das Lehen der hebräischen Sprache als ein künstliches zu bezeichnen, weil sie nicht im Munde ihres Volkes als gesprochene Sprache für den alltäglichen Gebrauch fortexistiert. Gerade dieser Umstand hat es ihr möglich gemacht, die unmittelbare Trägerin von Gedanken und Gefühlen, die Vermittlerin eines ganzen, reichen, gegliederten Systems von GeLstesinhalten zu werden, die sie über die Kluft der Jahrtausende hinweg, von Geschlecht zu Geschlecht in aller Frische und Lebendigkeit überlieferte. Dadurch ist die geistige Einheit des Judentums im Verlaufe seiner historischen Entwicklung und der seelische Zusammenhang der Juden in der Zerstreuung über die ganze Welt gesichert worden. Wenn die Juden auch nach der Zersplitterung des Volkes über das ganze Mittelnieerbecken und weiter hinaus, auch nach dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit in Palästina, fortgefahren wären, sich des Hebräischen