Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
- Article
- Aus dem Spruchborn der Weisen
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 269 - 270 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2584101-2584106-2607431--18314-2607468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
269 Maser 270 und Seelenfracht von keinen heimtückischen Wirbeln, Stürmen und von keinen unter* oder überirdischen Strömungen gefährden zu lassen. Diese Sicherheit eines hemmungslos hingleitenden Geleits von Ufer zu Ufer aber bedroht bald die Scylla einer nicht hinreichenden Kenntnis des Stufungs* und Schattierungsreichtums zweier Sprachen, bald die Charybdis,dieNatürlichkeit fremder Rhythmen wogen durch hier allzu persönliche Steuerung des eigenen Ichs künstlich abzuwandeln und den ursprünglichen Takt der Ruderschläge durch einen herrisch eigen* willigen abzulösen. Ja, Takt in des Wortes breitestem Sinne erheischt die Aufgabe, den Ton eines anders* sprachigen Werkes in dem Klange der Mutterlaute wieder auferstehen zu lassen. Max Weinberg, der uns bereits in einem Buch: „Ewige Weisheit" seine fast von der gesamten Presse freudig be* grüßte, meisterhaft verdeutschte ,,Spruchpoesie des Talmud** geschenkt hat, bestätigt in seinem jüngsten Werk: „Aus dem Spruchborn der Weisen4* (im Philo * Verlag, Berlin} abermals seine Fähig* keit als Übersetzer. Diese Wortschöpfung, gezeugt von Dichtermut und hingebungsvoller Ausdrucks* kraft, empfing nicht, wie so manches Werk anderer, von Max Weinberg etwa nur eine gelegentliche Stiefvaterhuld, sondern die ganze warmherzige Liebe seines Vaters, der seine Güte nicht zuletzt darin bekundete, daß er sein Kind aus dem Werktags* gewande ursprünglicher Prosa in das Festtagskleid der Poesie schlüpfen ließ. Und wer auch nur ahnt, wie nicht nur eingeborene Fähigkeit, sondern auch die Zähigkeit jahrelanger Bemühungen ein den Ursprungsformen getreu nachgewirktes Ge* wand zu weben vermag, wird eine so starke Liebe eines Geistesvaters zu seinem Kinde auch recht zu würdigen wissen. Das Werk selbst gliedert sich in die Spruch* poesie des Talmud und der rabbinischen Literatur sowie in die Sonderteile der Fabeln, Parabeln und Sagen. Diese stumme Musik seiner edlen Archiv tektonik tönt den Willen Max Weinbergs zur Harmonie aus. Ziel aller Ziele ist ihm ja über* dies Lebensharmonie, Ziel aller jener ursprünglichen und Nachdichtungen, Daseinswohllaut und Gleich* klang unserer Tage mit den Rhythmen der Sittlich* keit und Schönheit, des Lebensadels und Lebens* glückes. Als Wege zu diesem Ziele dienen die Belehrungen und Sprüche, Erzählungen und Pa* rabeln. Ersehnte etwa Anderes Goethes westöstliche Diwanfreude? Vielfältig und dennoch voll geistiger Einfalt, der tiefsinnigen Einfalt der Weisen, wan* dem immer hier die Wege ihren Ewigkeitsgang, bald vom Leben zur Lehre, bald von der Lehre zurück zum Leben. So wird selbst das Schöne nutzbar und das Nutzbare schön, und aus nie ausschöpfbaren Brunnentiefen alter Erkenntnisse schweben die mit Weisheitsfluten beladenen Eimer der Jahrhunderte auf und nieder und erharren ihre heiligen Zecher. Man vermag in einer kurzen Anzeige den geistigen und seelischen Reichtum dieses Buches, das sich mit Uberirdischem und Irdischem, mit Gott und Frömmigkeit, Tugend und Laster, Recht und Unrecht, Lohn und Strafe, Weisheit und Unwissenheit, Staat, Bürger, Volk, Fürsten und Vaterland, Schlechtigkeit und Edelsinn, Mann und Weib, Eltern und Kindern, Meister und Jüngern, Jugend und Alter, Leben und Tod, Reichtum und Armut, Dank und Undank, Geiz und Genüg* samkeit, Zorn und Friedfertigkeit, Liebe und Schön* heit, Verschwiegenheit und Schwatzhaftigkeit, Er* fahrung und Lebenskunst auseinandersetzt, natur* gemäß nur flüchtig zu streifen. Jeder nach Er* kenntnis Dürstende wird sich ja selbst zu einem Trunk: „Aus dem Spruchborn der Weisen" ein* laden und sich an der Sicherheit des Bewußtseins laben, daß hier die ewigen Quellen des Göttlichen rauschen. A r t h u r S i 1b e r g 1 e i t. MASER. Erzählung Meier Aaron Goldschmidt (Aus dem Dänischen) III. Aber Simon Levi hatte eine Zeitlang andere Sachen im Kopfe, zunächst als Folge des Bilder* kaufs. Dieser lenkte die Aufmerksamkeit aufs neue auf ihn und sein Vermögen, und man kam zudem Schluß, daß er sehr reich sein müsse, aber nicht mit Geld umzugehen verstände. Man glaubte, kurz gesagt, daß er eine Schrulle hätte. Das war die Veranlassung, daß sich jemand mit einem Vor* schlag an ihn wandte. Da war . im Auslande eine sehr vornehme, aber sehr verschuldete Persönlich* keit, die ein Darlehen suchte und Sicherheit geben wollte, allerdings nur die sechste oder siebente Hypothek auf ihre Besitzungen; aber der regierende Fürst, sein Verwandter, der für das Darlehen nicht direkt bürgen wollte, interessierte sich dennoch dafür und wollte den betreffenden Geldgeber zum Ritter schlagen. Trotz der ganzen Vernunft Simon Levis kam sein Gemüt bei dieser Versuchung in Wallung. Sein Reichtum hatte ihm bisher zu nur geringer Zufriedenheit, zu wenig äußerer Achtung sowie innerer Ruhe verholfen. Selbst in seiner Familie war er nicht sicher, der Erste zu sein; sein jovialer, gut gewachsener Bruder, der sein Geld annahm, brauchte sich nur zu zeigen, um ihn zu überragen. Aber wenn er einen Ritterorden be* käme! Wenn in den Zeitungen stände, dass der