Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
- Article
- Der Rabbi von Bacherach
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 237 - 238 (sequence 2)
- Language
- German
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237 Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen 238 schichte seiner tief verwundeten Seele, die sich immer wieder emporrichtet an dem Hort seines unerschütterlichen Glaubens. Selbst das Entsetzen, das sein fassungsloses Weib niederzuschmettern droht, gewinnt nicht die Kraft über ihn. Und so wird er uns in der Gestaltung des bildenden Künstlers zum Symbol des gläubigen Judentums, das trotz aller Not und Pein, trotz aller Verfolgung und Todesfurcht, trotz Jammer und Elend und Feindeshaß selbst in der Stunde religiöser Weihe, getrieben von Häschern bis in das stille Heim, gezerrt von der bescheidenen Scholle und gejagt ohne Unterlaß, an seinem Gott und seinem Glauben festhält, vertrauend auf die Erlösung und hoffend auf seine schirmende Hand. Wenn es noch dessen bedurfte, so werden Budkos Illustrationen zu Heines Rabbi von Bache? räch dem Werke zu neuer tiefer Wirkung ver* WAS BEDEUTET IN DER SCHÖPFUNGSGESCHICHTE DIE GOTTES¬ EBENBILDLICHKEIT DES MENSCHEN. Von R. E. May, Hamburg. II. In Teil I dieses Aufsatzes1) haben wir zu erweisen versucht, daß die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in seinem Schaffenstrieb besteht. Wir wollen uns in diesem II. Teil mit den Folgen beschäftigen, die sich notwendigerweise für den I. BUDKO Berlin Holzschnitt aus „Der Rabbi von Bacherach". Menschen aus diesem seinen Schaffensdrang ergeben. Weil, nach göttlichem Ebenbild, der menschlichen Natur die Schaffenslust eingeimpft ist, war es im physischen und geistigen Interesse des Menschen und, wie wir noch sehen werden, auch, im Interesse seiner schöpferischen Fähigkeiten selbst, nötig, seinem Betätigungsdrang eine Grenze zu ziehen und ihm ausdrücklich zu verkünden, daß ihn dieser Trieb nicht verleiten dürfe, alle Tage seines Lebens zu arbeiten, daß vielmehr seine Ebenbildlichkeit sich auch darin bekunden n>üsse, daß er, ebenso wie sein Schöpfer, nach sechs Arbeitstagen ruhe. Darum segnete Gott gleich1 nach Erschaffung des Menschen den siebenten Tag „und heiligte ihn, denn an ihm hatte Gott von ' seinem ganzen Schöpfungswerk aufgehört"2). Wie die Anziehungskraft eines Weltkörpers nur dadurch' zur Geltung kommen kann, daß andere Weltkörper da sind, an denen sie zur Wirkung kommt, so kann die Heiligung des siebenten Tages — und anderer heiliggesprochener Tage, wie es die Festtage sind — nur dadurch' bewirkt werden, daß Menschen da sind, die ihn — bzw. sie — heilijghalten. Von der geistlosen Materie konnte das nicht verlangt werden. Weder die Erde als Weltkörper noch auf und in ihr flüssige und gasiförmige Teile — ja selbst „feste" — kennen die Ruhe. Sie konnte nur vom geistbegabten Menschen verlangt werden. Der Mensch kann sich in die Geistigkeit eines ganz anders gearteten Wesens nicht hineinversetzen. Weil er das nicht vermag, glaubt er, daß der Ochse dümmer sei als er selbst Wir häben kein Verständnis dafür, wie es möglich' ist, daß die Taube J) Siehe Heft 7/8. -) Genesis, Kap. 2, V. 3.