Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben und redigiert L E O W 1 N Z. Alle Rechte vorbehalten. Heft 7/8 Juli- August 1921 XXI. Jahrg. MOSE Von Rabbiner Dr. Max Eschelbacher-Düsseldorf. I. Der Mensch ist wie das Gras und blüht wie die Blume auf dem Felde. Wenn der Sturm über ihn dahingeht, ist er nicht mehr, und es kennt ihn nicht mehr seine Stätte. Nicht die einzelnen rasch sterbenden Menschen sind die wahrhaften und dauernden Mächte in der Geschichte der Völker, sondern den Gebilden des Geistes gehört die Ewigkeit, den Gesetzen und Rechten, den Ordnungen, Einrichtungen und Idealen. Sie sind unpersönlich und leben darum länger, als irgend ein Mensch. Sie können Jahrtausende überdauern, hn Fortgang und Wandel der Geschlechter brauchen sie nicht zu altern, sie können sich sogar verjüngen und erneuen. Und trotz ihres Alters brauchen sie nicht abzusterben, sondern sie können sich die ewige Jugend erhalten und wiedergewinnen, die dem sterblichen Individuum versagt ist. In der Flucht der Generationen stehen dann diese Zeugen des Geistes da wie die Sinnbilder der Ewigkeit, wie ein Vermächtnis, das ein Geschlecht von dem früheren überkommen hat und dem folgenden weitergibt. Als ein Erbgut der Gemeinde Jacobs erschien schon der alten biblischen Zeit die Thora Mosis, die solch ein Dokument der Ewigkeit ist. Diese dauernden, nie entwurzelten und nie gestürzten Wegweiser zeigen allen den einander ablösenden Generationen die gleiche Richtung. Und so verbinden sie sie denn zu einer Einheit und zu einer Kette. Sie erst geben der Folge der Zeiten ihren inneren Zusammenhang, und sie sind die wahre Verfassung der Staaten, der Religionen, der Gesellschaftsordnungen, aller der großen Gewalten, die die Geschichte geschaffen hat. Sie sind ihr Körper und ihr Panzer, oft auch ihr Herz und ihre Seele. Und trotzdem können sie, die selbständigen, unpersönlichen, von den Menschen losgelösten Früchte der gewaltigen geistigen Arbeit des Menschengeschlechts, den Staaten, den Religionen und Volkern noch nicht jenes warme Leben geben, das sie brauchen. Denn die Seele entzündet sich nicht an gegebenen Einrichtungen, sondern sucht das Lebendige. Der Mensch braucht den Menschen, er braucht seine Helden und Heiligen und Weisen. Nach diesen Bergen, zu denen er emporschaut, sehnt sich der jugendliche Mensch,» und der reife Mann kann ihrer nicht entbehren. Die großen Menschen und die großen Lebensordnungen, beide zusammen erst geben den Religionen die Quelle ihrer nachhaltigen Kraft. Auf der vereinten Wirksamkeit von Institutionen und Vorbildern beruht darum auch die Dauer und der Reiz, die Schönheit und der Zauber unseres Judentums. Das Judentum ist eine Religion der Thora, der Lehre. Die Persönlichkeit des Stifters aber tritt zurück gegenüber seinem Werke. Welch ein Unterschied gegenüber anderen Religionen, etwa gegenüber dem Christentum oder dem Buddhismus! Jene werden nach ihrem Schöpfer oder ihrem ersten Verkünder genannt, das Judentum aber nicht nach seinem größten Propheten. Wir selber bezeichnen unsere Religion nicht als mosaisch. Und die Persönlichkeit von Mose hat für uns nicht die gleich hohe Bedeutung, die für den Christen die Erscheinung von Christus hat. Es liegt auch ganz im Geiste des Judentums, daß niemand das Grab von Mose kennt. Nicht er steht im Mittelpunkte unserer Religion, sondern sein Werk und sein Vermächtnis, seine Thora, Allein herrscht allerdings auch sie nicht. Auch das Judentum stellt uns vielmehr diese gewaltige Persönlichkeit vor Augen, an der sich alle Zeiten erheben, und zeigt uns in der Gestalt von Mose einen Menschen der höchsten Stufe, ein erhabenes Vorbild, ein ewiges Menschenideal. Sein Bild ist nicht fertig. Jedes Geschlecht wird sich die Züge, die die Bibel von ihm entwirft, nach seiner eigenen