Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ost™ ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 5/6 Mai-Juni 1921 XXI. Jahrs:. RELIGION UND VERNUNFT. Betrachtungen zu Hermann Cohens Schrift: Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums. Im Jahre 1793 erschien eine Schrift: „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Vorgestellt von Immanuel Kant", Der deutsche Denker förderte in ihr die Religion vor den Richterstuhl der Vernunft, und was nicht vor ihm bestand, galt ihm als Afterdienst Gottes. Gutes tun war ihm Gottesdienst. Alles, was der Mensch außer einem guten Lebenswandel tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, sei Religionswahn und Afterdienst Gottes. In dieser interessanten Schrift, die als den Kern des Religiösen das Moralische aufweist, daher nur eine Religion kennt, aber vielerlei Arten des Glaubens und die die moralische Besserung des Menschen als den eigentlichen Zweck aller Religion hinstellt, wird Gott „die Idee eines moralischen Weltherrschers" und als solche „eine Aufgabe für die praktische Vernunft", also etwas Gedachtes, Zweckhaftes, nichts Reales, Lebendiges wie in der wirklichen Religion. Diese Schrift urteilt äußerlich sehr verständnislos über das Judentum. „Der jüdische Glaube", heißt es da, „ist seiner ursprünglichen Einrichtung nach ein Inbegriff bloß statutarischer Gesetze, auf welchem eine Staatsverfassung gegründet war; denn welche moralische Zusätze entweder damals schon oder auch in der Folge ihm angehängt worden sind, sie sind schlechterdings nicht zum Judentum, als einem solchen, gehörig. Das letztere ist eigentlich gar keine Religion, sondern bloß Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besonderen Stamm gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter politischen Gesetzen, mithin nicht zu einer Kirche fbrmten, vielmehr sollte es bloß ein weltlicher Staat sein. . . Daß diese Staatsverfassung Theokratie zur Grundlage hat, mithin der Name von Gott, der doch, hier bloß : als weltlicher Regent, der über und an das Gewissen gar keinen Anspruch tut, verehrt wird, macht sie nicht zu einer Religionsverfassung". Diese Sätze sind von Anfang bis zu Ende unrichtig, und es ist nach den Forschungen des 19. Jahrhunderts nicht nötig, sie noch einmal zu widerlegen. Innerlich aber steht Kant dem Prophetismus näher als , er. selbst ahnt. Kämpften doch schon die Propheten gegen die Aeußerlichkeiten des Kultus, gegen Opfer und Feste. Sagte nicht schon der Gott des Arnos: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen ■ nicht riechen", 'sagte nicht schon Micha: „Es Ist. dir gesagt, o Mensch, was gut ist,, und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gotte"? Beugte sich nicht der Prophetismus vor dem Sittengesetz und damit vor demselben Typus der Ethik wie Kant? Prüfte nicht schon Jeremia's Gott Herz und Nieren und sah auf die Gesinnung des Menschen? Es besteht eine innere Verwandtschaft zwischen Kant und dem Prophetismus, die von Hegel bissig bemerkt, von Hermann Cohen mit Freude konstatiert ist. Hermann Cohens Religionsauffassung ist durch Kant und den Prophetismus am nachhaltigsten beeinflußt. Ausgehend von der kantischen Lehre, deren Konsequenzen er zieht, gelangt er im Laufe der Jahre zu einer mehr positiven Würdigung der Religion. Es ist der Wandel des Zeitgeistes, der sich' im Wandel der Cohenschen Anschauungen von der Religion bemerkbar macht. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so nähern wir uns einem religiösen Zeitalter; der Wert der Wissenschaft sinkt,