Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Us&faesT. ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 1/2 Januar —Februar 1921 XXI. Jahrg. JUDENTUM UND MONISTENBUND. Von Rabbiner Dr. Lewkowitz, Berlin. Die Berliner Ortsgruppe des Deutschen Monistenbundes hat den Beschluß gefaßt, von ihren Mitgliedern nach zweijähriger Zugehörigkeit zum Bunde den Austritt aus der Kirche bzw. dem Juder*um zu verlangen, falls sie weiter Mitglieder des Bundes bleiben wollen. Seiner voraussichtlichen Wirkung nach hat dieser Beschluß für uns keine weitreichende Bedeutung. Trotzdem können wir ihn nicht mit Stillschweigen übergehen. Er bedeutet die Ansage einer entschiedenen Stellungnahme nicht nur gegen die Kirche, sondern auch gegen das Judentum. Monismus und jüdische Religion werden damit als unvereinbare Gegensätze hingestellt, zwischen denen die Mitglieder zu wählen haben. Das nötigt uns, zu untersuchen, wie wir uns unsererseits zum Monistenbund und der von ihm vertretenen Anschauung zu verhalten haben. Das Interesse an einem klaren, von aller Unentschiedenheit freien Verhältnis besteht ja auch in unseren Reihen. Wenn wir nur auf die Grundrichtung der Lebensanschauung achten, dann besteht zwischen Monismus und Judentum eine tiefgehende Uebereinsiimmung. Beide suchen das Interesse des Menschen nicht einseitig auf das Jenseits zu lenken, sondern lehren ihn, das Schöne und Beglückende des irdischen Daseins dankbar und freudig zu empfinden und in ernster und reiner Lebensarbeit seine Kraft zu entfalten, sein Werk zu tun. Beiden gelten als die höchsten Ziele alles Menschenstrebens die Ideale des Wahren, Schönen und Guten. Und nicht nur in diesen allgemeinen Fragen, in der Weltbejahung und im Idealismus der Lebensbetrachtung stimmen monistische und jüdische Ueberzeugung überein, auch zwischen den einzelnen sittlichen Forderungen der monistischen Ethik und den Geboten der jüdischen Sittenlehre besteht inhaltlich kein wesentlicher Unterschied. Trotzdem sieht der Monistenbund mit dem Gefühl der Ueberlegenheit auf die Bekenner des Judentums herab. Die Anschauung, die er vertritt, bezeichnet er als wissenschaftliche Religion, die den Ergebnissen der modernen Forschung entspricht, während die Glaubensvorstellungen der Bibel ihm a's naiv und rückständig erscheinen. Worin aber besteht denn die Wissenschaftlichkeit der monistischen Lehre? Zunächst in der Anerkennung des obersten wissenschaftlichen Grundsatzes von der unbedingten Herrschaft der Naturgesetze, also in der Ablehnung des Wunderglaubens, wie er in den Erzählungen der Bibel uns entgegentritt. Daß in dieser Frage die Entwicklung der menschlichen Erkenntnis über die Anschauung der Heiligen Schrift hinausgeschritten ist, kann natürlich nicht geleugnet werden. Wenn man aber dem Judentum der Gegenwart gerecht werden will, darf man sich mit dieser Feststellung nicht begnügen, sondern muß die Frage stellen, ob die jüdische Religion mit der Entwicklung der Wissenschaft gleichen Schritt gehalten hat, oder auf der Stufe des antiken biblischen Denkens zurückgeblieben ist. Zur richtigen Beantwortung dieser Frage bedarf es keiner großen Gelehrsamkeit. Es ist ja ein hervorstechendes Merkmal der jüdischen Religion, daß sie einen vernunftgemäßen Glauben fordert, und die ganze Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie bis in die Gegenwart hinein ist von dem einen Streben beherrscht, die jüdische Glaubenslehre mit dem wissenschaftlichen Denken der Zeit in Einklang zu bringen. Wir folgen demnach einer Grundtendenz des Judentums, wenn wir die wissenschaftliche Lehre von der unbedingten Geltung der Naturgesetze anerkennen. Die Wundererzählungen der Bibel haben für uns nicht den Wert geschichtlicher Berichte, sondern wir erblicken in ihnen bewundernswerte Schöpfungen religiöser Poesie, deren künstlerische