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Ost und West · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1920) · p. Seite 318 - 319

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
Article
Vom Kriegsschauplatz des Geistes
Date
1920-11-01
Page
Seite 318 - 319 (sequence 2)
Language
German
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318 Vom Kriegsschauplatz des Geistes 319 treten versuchen, das drückt sich dann aus als ,,Furcht vor dem Beherrscht werden durch die Minderheit", und die Mehrheit gebärdet sich immer wilder, je mehr die Minorität sich im Besitze großer geistiger Kräfte und Werte weiß, die es zu verteidigen gilt. In diesem Falle tritt auch der Neid ins Spiel. Es gibt nicht nur einen Neid der Besitzlosen auf die Besitzenden, sondern auch einen Neid der Besitzenden gegen die Besitzlosen, die sich anschicken, sich aus der Erniedrigung zu erheben. Das liebe Gleichgewicht wird gestört, und der Besitzende meint, der Besitzlose, der erwirbt, nehme ihm etwas von seinem Besitze weg und maße sich widerrechtlich eine Stellung an, die ihm nicht gebühre. Das war die Triebfeder des Neides der alten Industrie- und Handelsstaaten gegen Deutschland, und es ist das Wesen der Empfindungen, welche die große Masse der Gebildeten und Halbgebildeten der ,,besseren Stände'4 den Juden gegenüber erfüllen, seit es eine Gleichberechtigung gibt. Der Jude lebt in der Erinnerung, in der Sage, im Sprichwort und im Volksliede, auch in tausend Erzeugnissen der Kunstdichtung als erniedrigtes, gedemütigtes Wesen fort, das man ungestraft treten und zerren durfte, und nun erhob sich allmählich die Gestalt des Juden, reckte sich gerade und forderte, durfte fordern gleiche Behandlung mit den Nichtjuden; das war unverzeihlich. Man kann das am besten in Ländern beobachten, wo die feudale Struktur der Bevölkerung noch nicht lange zerfallen ist und die ihr entsprechenden Gefühlsdispositionen noch sehr lebendig sind. Da sind die Juden alle ,,Roture", „canaille", und wenn einer von ihnen sich durch soziale, intellektuelle, sogar wenn er sich durch ethische Verdienste hervortut, wird das als Anmaßlichkeit und Vordringlichkeit empfunden, auch wenn man daraus den größten Nutzen zieht und es darum verzeiht; der gefühlsmäßige Unterton des Neides und der Mißgunst bleibt bestehen. Dazukam noch folgendes. Obwohl ,,das Judentum als Ganzes in seiner Geschichte niemals eine Stellung unter den Völkern öder eine Macht erreicht hat, die andere mit Begierde und Neid erfüllt hätte", so gibt es doch, wie der Verfasser sich geistvoll ausdrückt, ,,einen viel tieferen Neid als auf das Erreichte, nämlich auf das Erreichbare. Die Welt verzeiht die errungenen Erfolge viel leichter, als die noch zu erwartenden. Die großen Kräfte des Judentums, sowohl seine objektiv religiösen wie die praktischen der Judenheit, treten nur zu deutlich hervor .... Was dem Priester das Studium der Religionsschriften sagte, erkannte das Volk aus den Beispielen des Alltagslebens: daß dem Juden eine Kraft innewohne, die aller Verfolgungen spottete, weil ein unerschütterlicher Glaube an die Zukunft ihn trug. Der Glaube an die Zukunft war ihr bester Teil, den verzieh man nicht!" Nun ist dem Volke sowie den Priestern zwar stets klar gewesen, daß sie der Vergangenheit der Juden unendlich viel zu verdanken haben. Allein ,,aus diesen Vergangenheitserwägungen entspringt ein Quell des Fremdenhasses. Denn das Gefühl, andern viel zu schulden ... ist nur in ganz großen Seelen geeignet, wirklich edle Triebe und Empfindungen hervorzurufen ___Weniger edle Geister fühlen in dem Bestehen eines Wohltäters einen stillen, unbequemen Mahner und die Erscheinungist wohl bekannt, daß Dankbarkeit für unerwartete und in ihrer Größe hervorragende Wohltaten nur zu oft in Haß umschlägt. Was beim Individuum häufig vorkommt, wird bei der zusammengefaßten Menge die selbstverständliche Regel. Die Psyche der großen Masse entbehrt jeder Vornehmheit. Sie läßt sich nicht gern daran erinnern, daß sie anderen Wohltaten verdankt. Sie rechnet es dem Wohltäter schon als eine gewisse Ueberhebung an, wenn er es wagt, aus der Fülle seiner Gaben anderen mitzuteilen.. Darum hat das Bewußtsein, dem Judentum die bedeutendsten Ideen zu verdanken, keineswegs zu einer ehrfurchtsvollen Haltung geführt; man hat nie das Einigende zwischen Judentum und Christentum betont und über seinen Umfang das Trennende vergessen ... meist deswegen, weil eine Hervorhebung des Gemeinsamen zugleich eine Betonung seines jüdischen Ursprunges bedeutet hätte." Zu allen diesen Quellen des Fremdenhasses gegen die Juden kamen noch hinzu Mißtrauen und Unwissenheit. ,,Durch die Massen g3ht ein gleichmacherischer Zug. Sie lieben nicht die Abweichung von der Regel, das Anderssein erscheint unwillkürlich als Streben nach Bessersein, und das Bessersein wollen ist Überhebung'\ Dem Ungewohnten, Andersgearteten steht man verständnislos gegenüber und sucht dafür allerlei seltsame Erklärungen. Die jüdische religiöse Sitte und Brauch, die hebräische Gebetssprache, die Festtagsfeier, die eigentümliche Gebetstracht und vieles andere mehr stehen in ihrer Fremdartigkeit vor den Blicken der Umwelt, und jeder Brauch wird zu einem Geheimnis. Eine der häufigsten antisemitischen Anklagen ist die, daß die Juden in aller Welt einen großen Geheimbund bilden mit irgendwelchen mystischen Bestrebungen, dessen Endziel natürlich nichts anderes sein kann, als die Unterjochung der ganzen nichtjüdischen Welt. Wozu sollte er sonst dienen, und wozu sollten ihn die Juden sonst geheimhalten? Dieses eingebildete, imaginäre Geheimnis erweckt das Mißtrauen, auf das Mißtrauen ist es zurückzuführen, daß sogar völlig indifferente und atheistisch gesinnte Christen, ja oft ausgesprochene Gegner der Religion zur Lösung der Judenfrage den Übertritt zum Christentum verlangen, sie wollen damit die Abstreifung alles Fremdartigen bewirken ... Eine weitere Folge der Stellung als Minderheit ist, daß dem einzelnen eine eigenartige Rolle im Verhältnis zu der von ihm repräsentierten Gemeinschaft zugedacht wird. ,,Das Glied einer Minderheit wird eben, sobald es äußerlich erkannt wird, nur in dieser Eigenschaft empfunden, selbst wenn es sich um Dinge handelt, die mit dem Wesen der Minorität in gar keinem Zusammenhang stehen. Mag es sich um den Aufsichtsrat einer Eisenbahngesellschaft oder um den Vergnügungsausschuß eines Kegelklubs handeln, stets wird der Jude, der sich dort befindet, nicht allein als Kaufmann oder Techniker oder Kegler bewertet, sondern als Jude.4' Jedes Minderheitsmitglied gilt als Repräsentant seiner Gemeinschaft und vermag nach den Anschauungen der Welt nur typisch zu handeln, ein individuelles Betätigungsvermögen wird ihm nicht zugebilligt. Diese Verallgemeinerungssucht, die in der Struktur des Massendenkvermögens liegt, wird jedoch meist nur auf das bezogen, was man als feindselig, gehässig empfindet, das Wertvolle und Positive überläßt man nicht gern der Minorität, da dadurch der Eigenliebe Abbruch geschehen würde. Wenn etwas Gutes ausschließlich Eigentum der Minorität wäre, dann hätten „wir", die Majorität, ja keinen Anspruch darauf. Graf Reventlow geilt sich förmlich ab an der Wronne, Sinowjew, den Repräsentanten der verhaßten Bolschewisten, Apfelbaum zu benennen, wodurch dieser als unzweideutiger Jude gekennzeichnet und der Bolschewismus als spezifisch jüdisches Produkt gebrandmarkt werden soll. Nun heißt Martow, Sinojews Gegner. Zederbaum, ist der

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