Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Zu Benno Elkans Denkmal "Den Opfern"
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 286 - 287 (sequence 1)
- Language
- German
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286 Zu Benno Ell ans Denkmal «Den Opfern" 287 ZU BENNO ELKANS DENKMAL „DEN OPFERN" Der Weltkrieg, diese furchtbare Explosion eines leichtsinnig und zu unübersehbaren Massen aufgehäuften Zündstoffes, diese seit langem zu er* wartende und von Vielen vorausgesehene große Katastrophe der europäischen Kultur — eine Katastrophe von tiefster Schicksalhaftigkeit unter der Oberfläche aller der kleinen und kleinsten „Schuldfragen", — dieser Weltkrieg ist, der äußeren Form nach, beendet. Aber erst jetzt überblickt man das fürchterliche Trümmer* feld in seinem ganzen Umfang; erst heute, und in noch steigendem Maße, erkennen wir, spüren wir am eigenen Leibe die unendliche Reihe der Folgen, sehen und fühlen wir all* mählich die ungeheuren, noch weiterwirkenden Zerstörungen auf allen <Jebieten des Geistigen, Sozialen, Wirtschaft* liehen. Wer kann sagen, ob jemals die brennen* den Wunden am Kör* per der Kultur heilen werden? Dennoch drängt sich die Frage auf: Empfinden wir — die große Masse der Le* benden — klar und scharf genug unsere ge* genwärtige Lage in ihrer unerbittlichen Wirklich* keit? Und weiter : Em* pfinden wir, über die nächstliegenden Nöte des Tages hinweg, also bewußt und grundsätzlich, mit weitestem Begreifen die ganze Kette der Ursachen im Vergangenen, der Wirkungen auf das Zukünftige? Freilich, auf dem Papier ist viel zu lesen, in Reden viel zu hören von Besinnung, Einkehr, neuem Aufbauen. Aber der Leitartikel von heute ist übermorgen^ vergessen, die Broschüre in vier Wochen von anderen überholt; und der Schrei von der Rednertribüne, von der Rampe des Theaterts verhallt zu rasch für die abgestumpften Sinne. Sollen aber nicht die kommenden Gene* xationen, die Jahrhunderte, ein unvergängliches Symbol jener Gesinnung besitzen, die unser Volk — nein, die ganze heutige, im übermäßigen Leiden Enthüllungsfeier des Denkmals in Frankfurt a. M. links: der Oberbürgermeister rechts: der Bildhauer gehärtete, geläuterte, zum bewußten Wollen des Besseren erwachte Menschheit — oder doch ihr wertvollerer Teil — ihnen als edelstes Erbe zu übergeben gewillt ist? Sie werden es besitzen. In Frankfurt a. M., dem großen Knotenpunkt und geistigen Zentrum an der Westgrenze Deutschlands, dem politischen und kulturellen Brückenkopf zu unseren Gegnern im Weltkrieg, ist am 3. Oktober das Denk* mal enthüllt worden, dessen Abbildung wir hier bringen. Bereits im Jahre 1913 entstanden, wie aus einer unbe* stimmten, aber mäch* tigen Vorahnung des Kommenden, ist dieses Werk des (auch unse* ren Lesern bekannten) Frankfurter Bildhauers Benno Elkan jetzt von Kunstfreunden aus der Stille des Ateliers hervorgeholt worden, um als ein Denkmal des Krieges, als Denkmal der Trauer um seine Opfer, vor die Augen Aller gestellt zu werden. An einem Mittelpunkt der Stadt, rnur wenig abseits vom flutenden Verkehr der Kaiser* straße, aber entrückt und eingeschlossen in das Grün der Anlagen, erhebt sich nun auf schlichtem hellen Sockel ein dunkler Granitblock: ein Weib von erdhaft mächtigen Gliedern, zusammengebrochen unter der Last unsagbaren Leides. Nicht „Germania", nicht „Europa", nein, die Allmutter Erde ist es, die trauert um die Millionen ihrer geopferten Kinder, —- der Er* schlagenen, der Verstümmelten, der Verhungerten, — und um die sinnlos vergeudeten Schätze ihres Schoßes. Wurden nicht Kunstwerke von Ewigkeitsbedeutung zertrümmert, ungezählte Werte aller Art vernichtet, das Netz internationaler Kulturbeziehungen überall zerrissen, zahllose geistige Zukunftshoffnungen aus* gelöscht, in Millionen Lebender die Seelen ertötet? Regieren nicht Lüge, Fanatismus oder Beschränktheit? Es braucht nicht vieler Worte, um auszudrücken, was dieses Denkmal will und ist. Es spricht