Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584094-2584100--18016-2607126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
us&ggtesr. ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeberr und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 1W12 November—Dezember 1920 XX. Jahrg. DER JUDE ZWISCHEN DEN NATIONALITÄTEN. Man muß weit in die jüdische Geschichte zurückgreifen, um einen Zeitpunkt zu finden, in welchem die ganze Judenheit sich in einer so gefährlichen Lage befand, wie jetzt, nach dem Zusammenbruch des alten Europa, da eine neue Epoche der Weltgeschichte heranbrechen soll. Die Staaten, in denen ungefähr drei Viertel des jüdischen Volkes wohnen, sind in voller Auflösung begriffen. Eine qualvolle Wiedergeburt hat begonnen, von der keiner wissen kann, was sie bringen wird. Über ganz Ost-.und einen großen Teil von Mitteleuropa tobt seit zwei oder drei Jahren ein Orkan von Pogromen, der Hunderte von jüdischen Gemeinden total vernichtet und Hunderttausende von Blutopfern gefordert hat. Außer den schweren Leiden, die der sechsjährige Krieg über die Gesamtbevölkerung gebracht hat, haben die J iden noch eine schwere Last besonderer Leiden zu tragen, es wütet gegen sie ein besonderer Krieg, dessen Ziel unverkennbar vollständige Ausrottung oder mindestens Vertreibung ist. Auf jeden Fall sind die wirtschaftlichen Grundlagen der jüdischen Existenz auf lange hinaus gründlich erschüttert. Millionen Juden in Mittel- und Osteuropa sind buchstäblich an den Bettelstab gebracht und fristen ihr elendes Dasein nur von den Almosen ihrer Brüder jenseits des Ozeans. Und vorläufig zeigt sich am ganzen Horizont kein Lichtpunkt, der das Nahen einer besseren Zeit ankündigte. Das politische und rechtliche Dasein der jüdischen Gemeinschaften ist in Frage gestellt und harrt einer Neuordnung, deren Grundlage noch durchaus im Dunklen ruht. Inzwischen hat ein wiedergeborener Antisemitismus drohend das Haupt erhoben, hat sich mit neuen Waffen ausgerüstet und einen umfassenden internationalen Charakter angenommen, verbindet die judenfeindlichen Parteien unter den Siegern und den Besiegten zu einer einheitlichen Phalanx, sendet seine Schlagworte und Kriegsmethoden von Land zu Land, hat seine Brandherde sogar in Ländern entzündet, die bisher von ihm ganz verschont geblieben waren, wie Amerika und . England, wo er immer mehr um sich greift. Auch dieser Neo-Antisemitismus verfolgt ein unverkennbares Ziel: die Gesamtjudenheit aus ihrer Stellung, die sie sich in schwerem Kampfe seit hundertundfünfzig Jahren schrittweise im bürgerlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben der zivilisierten Welt errungen hat, hinauszudrängen und sie auf jene Lage hinabzudrücken, auf der sie sich etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts befand. Der Kampf ums Dasein, der dem einzelnen Juden sowie dem Judentum als Gemeinschaft bevorsteht, wird so schwer sein, wie nie zuvor. Eines der schwierigsten Probleme schafft im künftigen Europa den Juden die Gliederung der Nationalitäten in den neugeschaffenen Staaten. Die Nationalitätenfrage, die zum großen Teil den Weltkrieg mitverschuldet hat, brachte die Juden schon im alten Europa vielfach in eine schwierige Lage und war eine der Haupttriebkräfte des politischen und wirtschaftlichen Antisemitismus. Die neuen Zustände haben aber diese Frage nicht nur nicht gelöst, sondern noch mehr verwirrt und verschärft. Es ist kein Zweifel, daß die alte Habsburger Monarchie an der Vielheit ihrer Nationalitäten untergangen ist, deren entgegengesetzte Bestrebungen und Interessen weder miteinander noch mit dem Staatsgedanken zu vereinen waren. Nun ist dieser Nationalitätenstaat verschwunden, aber vier neue ähnliche Gebilde sind an seiner Statt. In der Tschechoslowakei herrschen etwa sechs Millionen Tscheschen in einem Staat, der ungefähr fünfzehn Millionen Einwohner hat; die Minoritäten bestehen aus Deutschen, Slovaken, Magyaren, Polen, Ukrainern. Im neuen Großrumänien mit seinen sechzehn Millionen sollen die kaum acht Millionen Rumänen die herrschende Nationalität bilden, und ihrer politischen Führung sollen sich Millionen Deutscher, Magyaren, Ukrainer, Serben unterwerfen. Im neuen Polen stehen ungefähr achtzehn