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Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. Seite 186 - 187

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Article
Jüdische Wirtschaftsethik
Date
1920-07-01
Page
Seite 186 - 187 (sequence 3)
Language
German
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186 Jüdische Wirtschaftsethik 187 unwürdig und blieb den Sklaven überlassen. Das war nicht nur die Anschauung der Menge, sondern auch die Ansicht der großen führenden Denker. Das Christentum hat, indem es aus der biblischen Auffassung des Menschen allmählich die letzten Konsequenzen zog, in der Neuzeit die Sklaverei beseitigt, infolge seiner Geringschätzung der irdischen Welt jedoch zu einer gerechten Würdigung der Arbeit nicht gelangen können. „Die Schätzung der Arbeit und der Berufe im Evangelium stand unter den handwerkerlich-kleinbürgerlichen Gesichtspunkten, die aus der talmJudischen Ethik bekannt sind und dem hellenistischen Orient weithin gemeinsam waren. Aber sie wurden bei der über der Urzeit lagernden Erwartung der großen Weltverwandlung nicht positiv für das religiöse Ziel gewertet, sie gehören dem provisorischen Lebenszustand an4', so beschreibt Troeltsch die Stellungnahme des Urchristentums zu unserer Frage1). Die ekstatische Stimmung ,des Evangeliums ist einer immer stärker werdenden Ernüchterung gewichen, je länger man auf das Erscheinen des Gottesreiches vergeblich wartete. Das Christentum sah sich gezwungen, mit der Wirklichkeit seinen Kompromiß zu schließen und die Naturgrundlage des Daseins anzuerkennen. Daraus ergab sich auch eine höhere Bewertung der Arbeit. Da die irdische. Welt aber auch im "mittelalterlichen Christentum nur geduldig hingenommen und ertragen wird, kann auch die Arbeit in ihr nicht als die natürliche Aufgabe und Bestimmung des. Menschen angesehen werden. Sie ist durch den Sündenfall zur Strafe und zum Schmerz geworden und muß geleistet werden, weil sie zur Erhaltung eines geordneten staatlichen Lebens unerläßlich ist. Die Pflicht zur Arbeit aber besteht nicht für alle in derselben Weise. „Die materielle Arbeit verbleibt den unteren Ständen, teils auch hier ein nicht zu umgehendes Zugeständnis an die Naturbedingungen der Gesellschaft, teils eine Einwirkung des aristotelischen Aristokratismus." Luther stimmt in seiner grundsätzlichen Beurteilung2) der Arbeit mit dem Katholizismus überein. „Die Arbeit ist remedium peccati wie der Staat und die Ehe, gehört also erst dem relativen Naturrecht des ßündenstandes an und dient hier als Strafe und Zucht, hat also wesentlich asiketische Bedeutung. Nur ist sie eben um deswillen auch allen zuzumuten.,, die arbeiten können/'3) Für das Judentum aber ist die Welt nicht (durch die Sünde des ersten Menschen verdüstert. Daher ist uns das irdische Leben auch nicht die harte Schule des Leidens, in der wir geläutert werden Sollen. Wir blicken mit frohem Vertrauen in die von Gott geschaffene Welt, sie ist uns der natür- 1) Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen S. 311. 2) Soziallehren S. 344. *) Soziallehren S. 573. liehe Schauplatz unseres Wirkens und Strebens. Darum lehrt uns die Bibel, in der Arbeit die natürliche Bestimmung des Menschen zu sehen. Das läßt sich stärker als durch das vierte Gebot durch den Hinweis auf die Paradieserzählung der Thora und lauf die Schilderung der messianischen Endzeit beweisen. Nicht zu trägem Genießen und beschaulicher Betrachtung hat Gott den Menschen geschaffen, „er setzte ihn in den Garten E.den, ihn zu bebauen und zu bewachen'*. Also nicht als Strafe für eine sittliche Schuld wird hier die Arbeit betrachtet, sondern als die selbstverständliche Aufgabe des Menschen, der noch nicht Schuld, oder Not kennt. Und auch am. Ende der Tage, wenn die Menschheit zur Höhe ihrer sittlichen Kraft und ihres Glücks emporgestiegen sein wird, werden zwar Not und Sorge aus dem Leben geschwunden sein, „ein jeder wird unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen", aber das bedeutet nicht Untätig-, keit und Aufhören der Arbeit. „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Winzermessern umschmieden." Werkzeuge der Arbeit sind hier die Symbole des' ideal gewordenen Menschenlebens. Damit ist klar erwiesen, daß nach jüdischer Lehre die Arbeit nicht als notwendiges UebeJ, oder pädagogisches Zuchtmittel, sondern als die naturgemäße Aufgabe des Menschen bewertet wird. Das ist noch nicht die moderne Schätzung beruflicher Tätigkeit. Sie ist uns heute gleichbedeutend mit kultureller Leistung. Die wirtschaftliche Arbeit eines Volkes bildet einen Teil seinejr Gesamtkultur. Der antike und auch noch der mittelalterliche Jude aber verband mit seinem wirtschaftlichen Streben noch nicht den Begrff der Kultur. Er erfüllte seine religiös-sittliche Pflicht, wenn er seine berufliche Tätigkeit ausübte und seine ihm von Gott gestellte Aufgabe. Darin erschöpfte sich für ihn die Bedeutung der Arbeit. Niemals aber wäre ihre moderne Beurteilung möglich gewesen, wenn nicht die Bibel ihre religiöse Bedeutung und ihren sittlichen Wert erkannt und verkündet hätte, daß Gott den Menschen -in die Welt hineingestellt hat, damit er in ihr sein Werk verrichte. Die Schätzung der Arbeit steht im Zusammenhang mit der Bewertung der materiellen Güter. Darüber lehrt das Evangelium: „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer." Auch diese grundsätzliche Stellung des Christentums ließ sich nicht halten. An die Stelle der Verherrlichung der Armut trat eine immer entschiedenere Würdigung wirtschaftlicher Güter, die man künstlich mit der prinzipiellen Anschauung des Evangeliums auszugleichen suchte. Die christliche Ethik leidet hier an einem inneren Widerspruch, der

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