Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. None

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Date
1920-07-01
Page
None (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2583875-2584094-2584098--17896-2606996
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

OSTum ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 7/8 Juli-August 1920 XX. Jahrg. KULTUR UND ASSIMILATION. Von Prof. Dr. Samuel Krauß. Renan sagt einmal: Die Juden haben zwar den religiösen Fortschritt der Menschheit außerordentlich gefördert, aber den politischen Fortschritt haben sie sogar gehemmt, indem sich ein Volk über die Erde verbreitete, sich erhielt und behauptete, ohne irgendein Vaterland zu haben. Ja, wenn das möglich, so wird doch das* Judentum auch eine Kultur aus sich selbst heraus entwickelt haben, entwickelt wie jedes andere Volk, eine Kultur, die nicht an Bodenständigkeit, nicht an Macht und Politik gebunden ist. Das Wunder der Erhaltung des Judentums ohne Vaterland und ohne Sprache ist einmal da; sollte nicht auch das andere Wunder einer jüdischen Kultur ida sein? Wenn die Kultur eines Volkes sich nur in äußeren, fest in die Augen springenden Dingen, in großartigen Bauten, in Werken der Farbe und Plastik, in Erzeugnissen der Kunst und Industrie manifestieren würde, dann, dann allerdings, hätten wir kaum ein Recht, von einer jüdischen Kultur zu sprechen, von einer jüdischen Kultur, die noch heute bestünde, gesehen, erlebt und anerkannt sein wollte. Aber ein Volk schafft sich eine Kultur auch in dem Aufbau seiner Regierungsform, in der eigentümlichen Art seiner gesellschaftlichen Gliederung, in dem Denken und Fühlen seiner Gelehrten und Dichter — und ist nicht all das auch dem jüdischen Volke in hohem Maße ge-t geben? Betrachtet seine Gemeinden, sehet, wie sich in allen Erdteilen seine Synagogen erheben, habet acht auf die unendliche Reihe seiner Denker und Dichter: meinet ihr, daß so was nicht einer* besonderen Platz unter der Sonne fordert? Ist es möglich, daß so was sich nicht plastisch von der Umgebung abhebt? Doch des Beweises und Nachweises bedarf es gar nicht; das Judentum existiert in einer bestimmten Form und mit ihm zugleich seine Kultur. Es ist nicht leicht zu sagen, worin sich diese speziell jüdische Kultur äußert, genau so, wie es viel Nachdenken, große Sachkenntnis und strenge Beobachtung erfordert, um angeben zu können, worin sich die deutsche Kultur von der französischen unterscheidet, worin Germanentum vom Romanen- und Slaventum sich abhebt, aber der Unterschied ist da, ijst da in hundert Formen, in unendlich vielen Lebensäußerungen, nicht in den alltäglichen Betätigungen allein, nicht in Wohnung, Kleidung, Speise und Trank allein, sondern ebenso und vielleicht tiefer sitzend, in den höheren Lagen des Lebens, in der Familie, in der Erziehung, in der Schreib- und Denkart, kurz in der gesamten Weltanschauung. Daran hat auch die nivellierende Kultur unserer Gegenwart wenig geändert; ist die Oberschicht gleich geworden, so gibt es in den Tiefen Berge und Täler, Erhebungen und Abschü&se, die sich nicht verdecken, nicht ausgleichen lassen. Das gemeinsame Bekenntnis des Christentums, das alle diese Völker kennzeichnet und das gewiß ein mächtiger Faktor in der Ausgleichung von Verschiedenheiten und Gegensätzen ist, hat es nicht vermocht, vermag! auch jetzt nicht, und wird es wohl nie vermögen, den Unterschied in der Kultur dieser Völkerschaften zu verwischen — Beweis: die vorangegangenen vielen Kriege und der jüngst vergangene Weltkrieg, mit all den gehässigen Begleiterscheinungen, die sie zeitigten —, und schließlich mündet j£ar alles, Kampf und Politik, Denken und Fühlen, in das große Reich der Nationalität, die jetzt stärker betont wird, als jemals in früheren Zeiten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.