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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Date
1920-01-01
Page
None (sequence 5)
Language
German
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ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft J/2 Januar—Februar 1920 XX. Jahrg. DIE FLUCHT IN DAS NICHTS. (ZUR AUSTRITTSBEWEGUNG.) Von Zeit zu Zeit werden die Völker von unheimlichen Seelenkrankheiten geschüttelt. Eine Unruhe erfaßt sie und sie verlieren das Gleichgewicht Daß dieses grauenhafte Völkermorden, das wir überstanden haben, wie immer es auch .ausgehen würde/ die Menschen, Sieger wie Besiegte, in einen Taumel der Besinnungslosigkeit versetzen müßte, sagten Einsichtige voraus. Aber die Zahl derer, die im Krieg ein „Stahlbad" für die Menschheit sahen, aus dem sie gestärkt und veredelt hervorgehen, einen Quell der Verjüngung, aus dem eine unendliche Fülle des Segens aufsprudeln und sich über die Welt ergießen würde — war größer, und sie war lauter und verwegener im Verkünden ihres Evangeliums. Das waren alle Nutznießer des Krieges, die von ihm Macht und Ruhm, Reichtum und Einfluß erwarteten. Sie versprachen der Welt einen gewaltigen religiösen Aufschwung, eine Läuterung und [Vertiefung der ethischen Begriffe, und eine Veredelung des moralischen Handelns. In der Tat weckte der Krieg, wenigstens in seinen ersten Phasen, bei allen kriegführenden Völkern eine mächtige Welle der Opferwilligkeit und der Hingabe, aber bei jedem Volke nur für die Seinigen, die hinausgezogen waren, um für seine Interessen zu morden und sich morden zu lassen. Dem Feind gegenüber weckte der Krieg nur noch wilden Haß, der sich ins ungeheuerliche steigerte und sich immer mehr in die Seelen hineinfraß, so daß er heute, mehr als ein Jahr nach der Beendigung des Krieges, .unversöhnlicher zu sein scheint als je zuvor. Auch die Religiosität schien in den ersten Phasen des Krieges neu zu erwachen, und seichte Optimisten jubelten, als1 sich die Gotteshäuser wieder füllten und die Gläubiger sich lauschend um die Prediger scharten. Der Schein trog. Es war nicht die gesunde, natürliche Religiosität, die in freudvollen Herzen wächst und sich als Dankgebet zu Gott erhebt, und sich in guten Werken verwirklicht, um die Geschöpfe Gottes zu beglücken. Es war eine aus Angst und Todesfurcht und Verzweiflung geborene Religiosität; ihrem Herdentrieb folgend, drängten sich die von dem plötzlichen Ausbruch betäubten und überwältigten Menschen dichter aneinander und ließen sich willig von den sanften und ergreifenden Gesängen und Melodien berauschen, die in einem so wohltuenden Gegensatz standen zu dem wüsten Donnern und Krachen da draußen, zu dem markerschütternden Stöhnen und Wehklagen von Millionen Gefallener, die auf den Schlachtfeldern ringsum in Todesängsten verröchelten, oder in wahnsinnigen Schmerzen mit dem Tode rangen. Diese Religiosität kitzelte sozusagen die Haut, die obersten Schichten der Seele, drang aber nicht tiefer hinein, — und verwitterte, sobald die ewig elastische Menschennatur sich an das Grauenvolle einigermaßen angewöhnt, sich mit ihm abgefunden hatte. Religion und Moral haben infolge dieses Krieges in gleichem Maße Schädigungen erlitten, von denen die Kulturmenschheit

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