Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1918) · p. Seite 417 - 418

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
Article
Die Schaffnerin
Date
1918-11-01
Page
Seite 417 - 418 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584078-2584086-2606677--17302-2606720
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

417 Die Schaffnerin. 418 Jude; er hält streng darauf, daß jüdischer Brauch respektiert werde, zumal er einen Mann darauf hinweisen kann, vor dem er sonst draußen im Treiben nichts, rein nichts gilt, dem er auf Ver? langen jederzeit seinen Fahrschein vorweisen muß. Hier aber kann nun er ihm Vorschriften machen! Und er weidet sich an der. Unbeholfenheit des Mannes, das gibt ihm Ueberlegenheit. Herablassend fragt er ihn: „War die Verstorbene brav im Dienst?" — „O ja," sagt der Mann, erst zögernd — aber er gewinnt langsam die Fassung, denn wenn vom Dienst die Rede ist, bekommt er festen Grund unter den Füßen. „Sie war Schaffnerin auf der 23; hat sich sehr bewährt. O ja." Er zwirbelt am Schnurrbart. „Ist immer pünktlich gewesen, hat ihre Zeit sehr richtig eingehalten und die Kasse hat auch stets gestimmt." — Indessen sind die anderen Straßenbahner herangetreten. Der Tod ihrer be? liebten Kollegin geht ihnen nahe, und hier fühlen sie sich dem Gestrengen irgendwie verwandt, — die respektvolle Unterwürfigkeit wird da ge? mildert. Hier ist zwar Uniform, doch kein Dienst —, wohl fühlen sie sich als Untergebene vor ihrem Vorgesetzten, als Nichtjuden alle doch zusammen? gehörig und gegen die „anderen" gestellt — und doch wieder fühlen sie es: sie sind Menschen — irgendwie ahnen sie es; Schranken fallen. Die Jüdin, die da nun im Sarge hereingebracht wird, war eine von ihnen — sie hatte doch auch einen grauen Mantel getragen, und eine Kappe, und eine Leder? tasche, und Signalpfeife und Zange — war stets mit ihnen angetreten, hatte nie den Dienst ver? säumt. Die Fahrer waren mit ihr zufrieden: sie hatte nie „gemurkst und gemährt" wie es in der Schaffnersprache hieß, war nie langsam und un* beholfen gewesen, es ging alles glatt bei ijbr — man kam mit ihr nie zu spät an der Endstation an. Also eine Jüdin war siel Das hatte man nicht ge? wüßt! Merkwürdig — jetzt erst erfuhr man es, als sie auf dem israelitischen Friedhof beerdigt wurde. — Und der.Prediger hebt an und spricht von ihrem traurigen Leben, er schildert, wie sie, eine Jüdin, gleich ihren andersgläubigen Genossinnen harten Dienst getan, wie sie, ehe der Morgen graute, von ihren Kindern fortmußte, diese fremder Obhut überließ! Eine jüdische Mutter! Und den Schaffnerinnen wird es mit einem Male klar. Ja, diese war anders gewesen, als sie. Wenn ihre Kinder sie an der Endhaltestelle erwarteten, ihr Essen brachten, wenn sie in siebeneinhalb Minuten — länger wurde nicht gerastet — ihre Kinder um? armt und gekost, wenn sie die Kleinen nach den Schularbeiten gefragt hatte — und dann sich los? riß und zur Weiterfahrt pfiff — dann hatten sie es alle gefühlt, der Fahrer und die Schaffnerinnen der Anhängewagen: — „sie ist anders als wir" — aber woran es lag, hatten sie nicht wissen können — und zum Grübeln war keine Zeit — denn der Dienst ist hart und muß genau befolgt werden. Sie war eine Jüdin, jetzt ging es ihnen auf. — Darum hatte sie sich plötzlich vor kurzem freigeben lassen. Der Prediger sagte es eben: „Sie hielt ihre Festtage, verzichtete auf den kärglichen Tagelohn, um mit ihren Kindern ihrem Gotte zu dienen!" — Die Schaffnerinnen denken: wie lange sind sie schon nicht zur Kirche gegangen. Ja nun, es machte sich eben nicht! Und der Vorsteher dachte: „Ich kann heutzutage an den Feiertagen mein Ge? schäft nicht zumachen!" — Und er überlegt, was seine Geschäftsfreunde dazu sagen würden. Es war ja doch nicht mehr zeitgemäß! Wozu wäre denn der Fortschritt? — Aber die Schaffnerin hier! Merkwürdig, das geht ihm im Kopfe her? um. Er vergißt sogar, daß es kalt ist, und stört den Prediger diesmal gar nicht durch ungeduldige Bewegungen. Und draußen am offenen Grabe, als die ersten Schollen auf den Sarg poltern, führt der Rabbiner alle Umstehenden der Reihe nach her? an und veranlaßt sie, der Toten Erde nachzuwerfen. Der Kontrolleur steht zur Seite — gedrückt — er sieht, wie die roten erfrorenen Hände der Schaffnerinnen sich um den Sand ballen, den der alte Diener im Körbchen reicht, er sieht, wie die Fahrer mit schwe? ren Stiefeln ungelenk zum Grabe treten und scheu nach Anweisung des Predigers tun — er steht und fühlt etwas im Halse drücken: „Soll ich ein paar Worte sagen, soll ich sagen — etwas von Verbrüde? rung und Menschenliebe" — aber wie er den Satz auch im Geiste dreht und wendet, es fällt ihm nichts ein — es geht nicht: — Aber er will sprechen, er will sich's von der Seele reden, was ihn bedrückt, er hat ja der Toten was abzubitten — er weiß es genau — er hat sie ja angeschnauzt, als sie ein? mal wegen eines Schulkindes, das dem abfahrenden Wagen nachrannte, nochmals hatte halten lassen. Da hatte er sie angefahren: „Wenn Sie das jedes Mal machen wollten, kämen Sie mit schöner Ver? spätung an die Endstation!" Und da hatte sie ihn so eigentümlich angesehen und das war ihm sehr gegen den Strich gegangen. Und er hatte sie aufgeschrie? ben und angezeigt. Und nun tat es ihm bitter leid. — Draußen vor dem Tore tritt er nochmals an den Vorsteher: „Es war wirklich ein schönes Begräbnis. Aber hören Sie — die Frau Schwarz, — also, daß die 'ne Jüdin war, — das hätt\ ich nie geglaubt — aber das war keine Jüdin, was so Juden sind — also so ordentlich, so pünktlich, so brav — also keine richtige Jüdin! —" Er ist befreit — legt grüßend die Hand an die Mütze — und ist verschwunden--.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.