Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1918)
- Article
- Der Silberschatz der Zülzer Judengemeinde
- Date
- 1918-10-01
- Page
- Seite 335 - 336 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584078-2584085-2606623--17227-2606639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
335 Der Silberschatz der Zülzer Judengemeinde. 336 DER SILBERSCHATZ DER ZUELZER JUDENGEMEINDE. Von M. Brann. In Not und Elend endete £ür die schlesische Judenheit das Jahrhundert der Reformation. Als freie Männer, unbeschränkt in ihrem Erwerbsleben und unbehelligt in ihren Glaub ensmeinun gen, waren die Juden vor einem halben Jahrtausend ebenso zeitig wie die Deutschen, vielleicht sogar noch früher, ins Land gekommen. Wie eine Sache, wie eine mehr oder oder minder wertlose ,,Nutzung" behandelt, die für die großen Herren nicht mehr einträglich genug war, mußten sie jetzt, gesetzlich und gesellschaftlich geächtet und wegen ihres Unglaubens" allgemein verhaßt", zum Wanderstabe greifen. Mehr als fünfzig Gemeinden haben sie in dieser Zeit begründet und zur Blüte gebracht. Aber der Haß. ist ihnen nachgewandert und hat ihrer Hände Werk vernichtet (i)1). Nur Glog.au und Zülz behielten ihre Juden- Schäften. In Glogau gewannen der eine und der andere durch' das Wohlwollen des Landeshauptmannes das von den Kaisern verbriefte Recht, überall im gleichnamigen Fürstentum und bald auch im' ganzen Herzogtum Schlesien an „Orten und Erden, in Städten, Märkten und Flecken nach seiner Notdurft mit Weib, Kindern und Gesindern zu wohnen, zu handeln und zu wandeln, und. bei seiner Nahrung erhalten zu werden". Dadurch wuchs allmählich der Wohlstand der einzelnen und stieg das Ansehen, der Gemeinde, und schon um 1650 war Glogau „eine Stadt, groß vor dem Herrn und angefüllt mit Weisen und Schriftgelehrten". In Zülz aber saßen sie zu ihrem Glück auf 'des Kaisers „eigentümlichen Herrschaften", und dieser ließ immer von neuem seinen „gehorsamen Fürsten und Ständen" erklären, daß, unbeschadet der' 'wiederholten Fürstentagsbcsc'hlüsse, sie „von den Juden zum Zülz, weil sie vor unvordenklichen Zeiten daselbst gewöhnet, weiter keine Beschwer haben sollten". Alles noch so „bewegliche Bitten" und Drängen half dagegen nichts, bis die gehorsamen Fürsten und Stände weiter zu remonstrieren müde wurden (2). Denn der Kaiser konnte die Judenschaft gar nicht einfach verschwinden laslslen. Schon sieit Jahr und Tag. war das Oerteilen mit etlichen nahen Dörfern an die Freiherrn von P rosko wski verpfändet,und das Einkommen von den Juden war ein wichtiger Einnahmeposten, der nicht leicht zu ersetzen war. Für die hohen Steuern und Las)ten, die sie trugen, hatten die Zülzer ungleich schmälere Rechte als ihre Glaubensbrüder in Glogau. Da ihnen vom1 Kaiser nur der freie Verkehr auf Jahr- und Wochen - 1) (siehe Anmerkungen). markten überall in- Schlesien zugestanden war (3), waren sie auf ein friedloses Wanderleben angewiesen und mußten ihren Kram hausierend von einem Ort zum andern tragen. Am liebsten und häufigsten machten sie dabei in Breslau, dem wichtigsten Stapelplatz des Landes für alle Kaufmianns'waren, Rast und setzten dann, von hier aus ihre unverdrossenen Fahrten durch Stadt und Land fort. Wenn sie zu kürzerem oder längerem' Aufenthalt, wie das Geschäft es mit sich brachte, hier verweilten, fanden sie mit frommen Betern aus der Fleimat sich zu gemeinsamem Gottesdienst zusammen , und erssßen sich allmählich' das Recht, sich eine besondere Betkammer für diesen Zweck auszustatten (4). Kamen sie dann durch rastlosen Fleiß zu einigem Vermögen, so war der Gipfel des Glücks für sie erreicht. Sie durften daheim in ihrem entlegenen Landstädtchen bleiben, sich des Gedeihens1 ihrer Familie erfreuen und am Leben in der Gemeinde sich beteiligen. Denn die Ansiedelung wuchs zusehends (5). Unbesehen nahmen die Freiherrn von Prokowski, die seit Beginn des 17. Jahrhunderts5 für schweres Geld.Eigentümer des Städtchens geworden waren, im ureigensten Interesse jeden irgend zahlungsfähigen Juden auf, der um) das ReCht dauernder Niederlassung bat. Mit der Vermehrung der Einkünfte der Grundherrschaft hielt natürlich die Zunahme des sozialen Elends, das Anwachsen des Brotneides und die Erschwerung" des Lebenskampfes gleichen Schritt. .Nicht ganz mit Unrecht ging darum, in Anlehnung ah cjie hebräische Schreibung des Wortes, unter den schlesischcn. Landjuden seit etwa dem 18. Jahrhundert das bitterböse Witzwort von Mund zu Munde: „Zülz, wie sein Name — so ist es; vorne!s!teh!t ein krummer Zaddik, hinten steht ein schlechter Zaddik" (6). Bei alledem sanken die Zülzer Juden keineswegs .auch nur in ihrer Minderheit zu Strolchen oder Verbrechern herab. Der iäußerst bittere Kampf ums Dasein verstärkte vielmehr im Durchschnitt nur ihre Tatkraft, vergrößerte die Neigungzur Sparsamkeit und Enthaltsamkeit und eiferte sie täglich von neuem zu imer schütter lieh em Gottvertrauen an, Sie waren eben hier wie überall von dem lebendigen Bewußtsein erfüllt, daß' es sich verlohne, für den vielgeschmähten Glauben der Viäter gerade so wie diese Ueberme:nschlicheis zu ertragen, und daßi es gewiß' irgendwann eine Zeit geben werde, in der diese unentwejgte Treue ihren reichen Lohn finden werde. Darum hielten sie selber an den. Tugenden der Ahnen fest, e)rzogen ihre Kinder in Zucht, Sitte und Gottesfurcht und pflegten mit Eifer die Liebe zur Thora und