Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Vom Büchertisch [Rezension]
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 515 - 516 (sequence 2)
- Language
- German
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515 Vom Büchertisch. 516 mit den Ansichten Jehuda Halevys und Maimunis berühren. „Die Politik der Propheten" entwirft ein breit hingemaltes Bild der Zeitgeschichte und ■der Bestrebungen der Propheten in ihr, und wir erleben es mit, wie ihnen aus dem .Vergänglichen das Ewige erwächst, wie sie aus den 'Vorgängen ihrer Epoche den Sinn und Gang der Weltgeschichte erschauen. Den Kern ihrer Bedeutung jedoch bildet „Die Religion der Propheten*'. Sie verkünden die Weltherrschaft Gottes; im Vordergründe ihrer Religion steht deren Verbindung mit der Sittlichkeit. „Ihre erhabene Größe besteht in. der Gewalt, mit der isie die sittlichen Gebote als die eigentlichen Gesetze Gottes aufstellen'. Niemals sind ,sie ganz so sie selber, als wenn sie in verzehrendem Zorne gegen die Uebertretung dieser Forderungen eifern und die innere Wut über die Frevel, die sie rings1 um sich schauen, müssen,, sie in. die Exta.se dahinrafft. Ihr Gott ist ein sitt-> licher Gott, der die Gerechtigkeit unter den Menschen verlangt, und unter allen Umständen durchsetzt; sein [Walten in Israel isit gerechte Vergeltung. So haben die Propheten Religion und Sittlichkeit wie mit einer ehernen Klammer zusa m m engeschmiedet, so daß' sie niemals wieder getrennt werden können. Und noch wir Nachgeborenen denken, wenn wir von den Propheten hören, mit Recht zunächst an diese ihre erhabene Errungenschaft. Bewundernswürdig aber erscheint uns die Hoheit des prophetischen Gedankens besonders dann, wenn wir bedenken, daß diese Forderungen in einer zerrütteten Zeit erhoben wurden, in der das Unrecht an der Tagesordnung war und auch der Brave und Wohlmeinende es als eben unumgänglich mit in den Kauf nehmen mochte." Ein bisher noch wenig berührtes Problem behandelt die vierte Abteilung „Schrittstellerei und Formen spräche der Propheten". Hier wird die eigentliche literaturhistorische und ästhetische Seite des prophetischen Schrifttums aufgerollt. „Es wird der gemeinsamen Arbeit mehr als eines gelehrten Geschlechtes bedürfen, diesen gewaltigen Stoff zu durchdringen. Wenn aber diese Aufgabe gelöst und die Gattungen der prophetischen "Redeweise, die altererbten, die übernommenen und die neugebildeten, erforscht sind, dann, aber auch erst dann, werden die Persönlichkeiten der ^großen prophetischen. Schriftsteller in volles Licht treten;." Mit Freuden darf man ein hebräisch geschriebenes Buch begrüßen, das ein althebräisches Problem mit streng wis/senschaftlicher Methode behandelt: „Jüdische Kostümkunde im biblischen Altertum, mit Illustrationen" von A b r a h a m Samuel Herschberg CBialystok)2). Verschiedene psychologische und kulturelle Ursachen haben es bewirkt, daßi Juden an der modernen Bibelforschung, wie sie mit Hilfe der Ausgrabungen im Orient und mit den Mitteln der Assyriologie betrieben, wird, sich verhältnismäßig weni/j beteiligt haben. Dieses Zurückbleiben war ein Schade für die Wissenschaft. Denn es ist klar, daß' man in jenen Kreisen, wo das Hebräische, wenigstens als Literatursprache, lebendig ist, wo überdies eine genaue und tiefe Kenntnis der rabbinischen Sprache und Literatur herrscht, und der innige Zusammenhang zwischen Bibel und Talmud empfunden wird, manches feiner und schärfer Sieht, als jene, für die dieses ganze "Gebiet etwas spät Erlerntes und mühselig Angeeignetes ist. Herschberg hat sich durch eine ganze Reihe von Studien zur talmudischen. Archäologie einen sehr guten Namen gemacht. Er vereinigt eine ausgedehnte und minutiöse Kenntnis des talmudischen Schrifttums, wie sie nur der alten Schule eigen zu sein pflegte, mit den strengsten modernwissenschaftlichen Forschung.smethoden; er hat in weiten Reisen, die er in. zwei schönen Büchern beschrieben, den alten Orient aus eigener Anschauung kennen gelernt, und er verfügt über eine glänzende Darstellung'sgabe, die seine Schilderungen zu packenden, lebensvollen Bildern gestaltet. Das vorliegende Buch will gleichsam d'ie Vorhalle zu einem umfassenden Werk über die jüdische Archäologie bilden. In achtund- ,dreißig Abschnitten behandelt es die Kostümkunde der alten'Hebräer von den Urzeiten bis in die nachbiblische Periode hinein. Doch beschränkt es sich keineswegs auf die Geschichte der Bekleidung, sondern weitet sich zu einer Sitten-' und Kulturgeschichte aus. So bringt es umfassende Abhandlungen über die sexuelle Sittlichkeit, über die Entwickelung des Gewerbes, über die Kriegsaltertümer, Waffen künde und Befestigungswesen, über die sozialen Klassen und den Sklavenstand, über die Entwickelung der Hochzeits- und der Trauerbräuche, über Entstehung und Entwickelung des Priestertums. Die extreme Bibelkritik, besonders die der Wellhausenschen Schule erfährt auf Schritt und Tritt manchen kräftigen Stoß, vom 'dem sie sich schwerlich erholen wird. Um nur einen Fall zu erwähnen. Die Glöcklein am unteren Rande des hohenpriesterlichen Gewandes werden von Wellhausen dahin gedeutet, daß sie den Zweck hatten, beim Eintritt ins Allerheiligste die — Dämonen zu verscheuchen; diese Ansicht steht im Zusammenhang mit der hartnäckig festgehaltenen These, daß; die Einrichtungen und Anschauungen der Thora von altheidnischen Elementen durchdrungen sind, welche erst durch die Propheten überwunden worden seien. Nun verweist Herschberg auf die Mischna Sabbah VI, % wo derartige Glöcklein am unteren Rande der 'Gewänder als Zierat erwähnt werden. Die Hinfälligkeit der Wellhausenschen Hypothese kann nicht drastischer bewiesen werden. Es ist zu bedauern, daß das große Werk des Verfassers über die jüdische Archäologie infolge der Kriegsereignisse nicht zur Drucklegung gebracht werden konnte. 2) Verlag „Tuschija", Warschau.