Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Friedliches im Kriege [Rezension]
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 283 - 284 (sequence 1)
- Language
- German
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283 Friedliches im Kriege. 384 FRIEDLICHES IM KRIEGE. 1\ u do 1 f E u c k e n schließt seine im vorigen Heft dieser Zeitschrift besprochene Abhandlung mit einer Aufforderung an die Welt, zur Bibel als einer Urquell des Geisteslebens zurückzukehren. Es trifft sich gut, daß gerade jetzt ein anderes Buch herausgekommen ist, das in hohem Grade die Eignung besitzt, auch denen unter uns, die sich von dieser ursprünglichen Quelle beträchtlich entfernt haben, das Zurückgehen zu ihr wesentlich [zu erleichtern. Wir meinen das „Lehrbuch der hebräischen Sprache für Schul- und Selbstunterricht mit Schlüssel und Wörterverzeichnis" von Moses Rath, zweite, vielfach verbesserte und vermehrte Auflage.1) Der Vorzug dieser Lehrmethode besteht darin, daß sie Anfängern sowohl jugendlichen als reiferen Alters in die Hand gegeben werden kann. Wer sie gründlich durchgearbeitet hat. kann sich dann bei gutem Willen und Ausdauer den Weg durch die hebräische Literatur bahnen. Vorzüglich ausgewählte und geschmackvoll geordnete Uebungsstücke erleichtern das Studium. Die Ausstattung ist allen Lobes wert. Das Buch verdient, allen, die sich die Kenntnis des Hebräischen aneignen wollen, aufs wärmste empfohlen zu werden. Es war in den letzten drei Jahren viel, sehr viel vom ,.Jiddisch" die Rede, worunter man die Volkssprache der Juden in Osteuropa, namentlich in Polen und Rußland, versteht, der man seit einigen Jahren diesen unendlich geschmacklosen Namen beigelegt hat. Ganze national-politische Systeme wurden auf dieses „Jiddisch" aufgebaut, obwohl dessen Kenntnis in Deutschland herzlich wenig verbreitet war. Alle Zeitungsleser kannten es dem Namen nach, aber keiner wußte, was es mit dieser Sprache auf sich habe. Man darf es daher dem rühmlich bekannten Prof. H. L. Strack von der Berliner Universität als eine dankenswerte Tat anrechnen, daß er ein „Jüdisches Wörterbuch, mit besonderer Berücksichtigung der gegenwärtig in Polen üblichen Aus^- drücke" herausgegeben hat.2) Nach Bau und Charakter, sowie mit Hinblick auf achtzig Prozent seines Wortschatzes ist das „Jiddische" eine germanische Mundart. Darum ist es sehr merkwürdig, daß diese Mundart von den Germanisten bisher ganz und garnic'ht beachtet wurde. An der Lemberger Universität bestehen zwei Lehrstühle, an der Krakauer einer, für germanische Philologie und für deutsche Sprache und Literatur, alle diese Katheder waren immer von geborenen Deutschen besetzt. In Galizien wie im Königreich Polen, übrigens auch in allen Gegenden, wo das „Jiddische" geredet wird, leben hochgebildete deutsche Männer, Pastoren, Lehrer, Aerzte, die täglich und stündlich mit eigenen Ohren aus dem Munde der Juden Laute verneh- 1) Wien, 1917, Selbstverlag des Verfassers. 2) Leipzig, J. C. Hinrichs Verlag, 1916. men, die ihrer eigenen Sprache so verwandt klingen. Und doch ist es bisher keinem von ihnen eingefallen, sich um die Erforschung dieses Dialektes zu bekümmern. Bestand etwa die Furcht, daß die „Ostjuden" dadurch sich das Recht anmaßen könnten, sich wirklich für Deutsche zu halten, oder war der Grund eine allgemeine Abneigung gegen die Juden überhaupt? So mußte erst ein Berliner Gelehrter kommen, um sich dieser Arbeit zu unterziehen. Strack besitzt aber auch alle Eigenschaften, die hierzu erforderlich sind.: gründliche Beherrschung des Hebräischen, namentlich des Rabbinischen, deren Bestandteile einen so großen und wichtigen Teil des Wortschatzes der jüdischen Volkssprache bilden, intime Kenntnis des jüdischen Lebens, der jüdischen Sitten, Bräuche und Stimmungen, ohne die die Sprache ein tönendes Erz bleibt, schließlich eine ausgezeichnete linguistische und philologische Schulung, die den Stoff meisterhaft zu sichten und zu analysieren versteht. Das Wörterbuch ist mit echt deutscher Gründlichkeit und Treue gearbeitet. Der Verfasser hatte so gut wie gar keine Vorarbeiten, die paar „jiddischen" Lexica, die aus Amerika stammen, sind ohne jeden wissenschaftlichen Wert und verfolgten lediglich den Zweck, den dorthin einwandernden Juden als Wegweiser zu dienen. Strack .mußte alles von vorne anfangen. Natürlich kommen in seinem Buche manche Fehler vor; man wird sich darüber nicht wundern, wenn man bedenkt, daß dieses Idiom eine Volkssprache ist, daß bisher noch keine einheitliche Orthographie, geschweige eine Grammatik festgesetzt ist, daß bei den begabtesten Schriftstellern, deren kleine Novellen sich ruhig neben denen Maupassants stellen können, in derselben Zeile dasselbe Wort oft verschieden geschrieben wird, daß dieser Dialekt in eine ganze Anzahl von Mundarten zerfällt, die an Wortschatz, Aussprache, Sprachregeln oft erheblich unter einander differieren, daß die zahlreichen Lehnwörter aus den slavischen Sprachen und aus dem Hochdeutschen je nach Zeit und Ort wechseln und umgestaltet werden. Darum kann diese Sprache nur in ihrem Milieu, unter den Juden, aus mündlichem Verkehr mit ihnen erschöpfend erlernt werden. Strack will seine Arbeit nur als Vorläuferin eines großen jüdischen Wörterbuches betrachtet wissen. Es wäre verdienstlich, wenn alle Freunde der jüdischen Volkssprache und deren Literatur ihm hierbei durch Lieferung von Material und Hinweisen beistehen würden. Eine kleine Sammlung unter dem Titel „Jüdisch-deutsche Texte, Lesebuch zur Einführung in Denken, Leben und Sprache der osteuropäischen Juden", in demselben Verlag erschienen, enthält eine Reihe kleiner Skizzen und Artikel aus der jüngsten Zeit mit guten Erläuterungen in sprachlicher und sachlicher Beziehung und ergänzt glücklieh das Wörterbuch. Aus beiden Arbeiten werden sogar manche geborenen Ostjuden vieles lernen können.