Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1917) · p. None

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
Date
1917-05-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584069-2584073--16557-2605779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

OsT^ffe st: ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 5/6. Mai-Juni 1917. XVII. Jahrg. PSYCHOLOGIE DER MACHT*). „Die Macht ist das Böse schlechthin", lautet der Ausspruch eines der tiefsten historischen Denker. In Wirklichkeit ist jedoch die Macht nur die unerläßliche Bedingung und die größte Verlockung, das Böse zu tun. Sie könnte ebenso verwendet werden, das Gute zu vollbringen, denn an sich ist sie weder gut noch böse. Wenn ein scharfsinniger, weite Zeiträume überschauender Betrachter der Weltgeschichte die Macht mit dem Bösen identifizieren konnte, so rührt das daher, dass in der Tat die Menschen ihre Macht allermeist dazu geh raucht haben, das Böse zu tun. Schält man den Begriff des Bösen aus allen moralphilosophischen und metaphysischen Hüllen heraus, die sich im Verlaufe der Jahrhunderte um ihn gewickelt haben, so bleibt schließlich die primitive Definition: Böse ist, was Schmerz verursacht. Das ist das Böse als Empfindung. In ihrem Gang durch die höheren Funktionen des Bewußtseins gewinnt die Vorstellung ihre vollkommene Gestalt. Böse ist dann nicht, was augenblicklichen Schmerz bereitet, jedoch für die Dauer das Gegenteil bewirkt, wie der operative Schnitt des Chirurgen, oder die Bestrafung eines Kindes, böse ist nur das, wobei der bereitete Schmerz nicht ein Uebergangsstadium ist, sondern das letzte Ende bleibt. Hier beginnt die Stufenfolge des Bösen, welches um so größer wird, je größer die Anzahl derer, die vom Schmerze betroffen, und je kostbarer die Güter sind, an denen sie geschädigt werden. Zum Bösen höchster Ordnung gehört dann die Schädigung einer allgemeinen umfassenden Idee, als eines der Güter, von dem ganze Völker und Generationen, vielleicht die ganze Kulturmenschheit lebt — obgleich eine solche Schädigung unmittelbar und für den Augenblick oft keinem Menschen Schmerz oder Schaden bereitet. Immer aber hat die Vorstellung des Bösen ihre Wurzel in der Empfindung des Schmerzes. Das Bewustsein, daß die Schmerzensempflndung bei seinem Nächsten, sowie bei allen Lebewesen vorhanden ist, erwächst dem Menschen aus seinem eigenen Seelenleben. In dem Stadium naiver Belebung der Natur gesteht er diese Empfindung sogar leblosen Gegenständen zu» Ein Mensch, der der Schmerzensempfindung völlig bar wäre, müßte an moral insanity leiden. Es ist ein feiner Zug der Bibel und der Homerischen Gedichte, daß ihre Helden nicht aus Uliempfindlichkeit und Stumpfheit Schmerzen und Leiden über sich ergehen lassen, sondern die Kraft aufbringen, sie, obgleich sie so unendlich weh tun, zu erdulden und zu überwinden. Der Drang des Menschen, Macht über andere zu erwerben, ist nun zunächst ein Ausdruck des primitiven Selbsterhaltungstriebes. Die Macht ermöglicht ihm, sich auf Kosten des andern Vorteile und Annehmlichkeiten zu beschaffen: ihn für sich arbeiten und kämpfen zu lassen, auf ihn Gefahren und Unannehmlichkeiten abzuwälzen. Mit der Entwicklung der Kultur verwandelt sich dieses V erhältnis langsam, teilsunterblutigenKevolutionen, teils auf friedlichem Wege, verliert seinen einseitig ausbeuterischen Charakter und wird zur Organisation der Kräfte, die den sozialen Lebensprozeß bestimmen. Das rein geistige Element der Macht tritt immer mehr hervor und humanisiert sie, die *) Siehe „Politik und Moral" Ost und West. Jg. XVI, Heft 6/7 und 8/9, „Völkerrecht und Völkergerechtigkeit" Jg. XVII, Heft 1/2.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.