Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Date
- 1917-03-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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PSF?Wfe ST ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 3/4. März - April 1917. XVII. Jahrg. MISCHEHEN. Von Rabbiner Dr. M ax Es im Ja Im; 19.1 1 wurden in einer deutschen (Jroßstadt einundzwanzig Ehen geschlossen, bei denen Braut und Bräutigam Juden waren, dagegen sechs, hei denen nur die .Braut, und sechzehn, bei denen nur der Bräutigam dein Judentum angehörten, mithin einundzwanzig rein jüdische und zweiundzwanzig Mischehen. Ob auch anderwärts die Mische!ic so außerordentlich häufig ist. ist nicht bekannt. 'Die Ziffern, die vor einiger Zeit verbreitet wurden. 14°/o im Jahre 1900 und 34 »'o im Jahre 1915, sind von mancher Seite als über!rieben bestritten worden. Sieher ist nur. daß sie in starker Zunahme begriffen sind. Jedenfalls ist die Mischehe heute eine Massenerscheinung geworden, wie sie es einst, vor etwa 24 ÜÜ Jahren, zur Zeit Esras. in Palästina gewesen war. Später, ini uaclibiblischen Zeitalter, während des ganzen Mittelalters und in der Neuzeit bis in das 19. Jahrhundert hinein war sie ein höchst seltenes Ereignis. Sie gehört also zu dem eigentümlichen Bilde des h e u t i g e n jüdischen Lebens in Deutschland, und wir müssen deshalb mach ihren Ursachen suchen, ihre .Wirkungen verfolgen, und nach Mitteln, die sie etwa verhüten könnten, ausschauen. I. »Sie ist eine schwere. Krankheit am Körper unserer jüdischen Gemeinschaft, und ihre Keime liegen tief in unseren religi- (") s e n V e r h ä 11 n i s s e n begründet. Denn ein starkes religiöses .Selbstbewußtsein ist heute wie. jemals der feste Damm gegen die eheliche Verbindung mit den Angehörigen fremder Bekenn tnisse, und diese ist uberall da unbekannt, wo der religiöse Gegensatz kräftig empfunden wird. Ein Jude könnte der «Synagoge noch so ferne stehen, er würde trotzdem eine Mohammedanerin kaum heiraten. Denn zu dieser Glaubeiisform fühlt auch er chelbacher - Düsseldorf. sich wohl in starkem Gegensatz. Dagegen ist der hVligion unserer Mitbürger gegenüber das Gefühl der Fremdheit aus verschiedenen Gründen schwächer geworden. Zunächst wirkt auf uns alle dieselbe Zeit. Unter der Einwirkung ihres Geistes stehen wir alle ohne Ausnahme, wir besuchen die gleichen Schulen, lesen, die gleichen Bücher und Zeitungen und durchleben die gleiche allgemeine Not mit genau den gleichen Empfindungen. Auch die religionstVindliche Stimmung der Gegenwart wirkt auf Angehörige alier Bekenntnisse in durchaus gleicher Weise ein. Infolgedessen finden wir im Lager aller Religionen eine große Schar von Gleichgültigen, die ihrem Bekenntnis mehr durch die Eintragung im Geburtsregister des Standesamtes, als mit dem Herzen angehören, Sie sind weder (■bristen noch Juden, sondern einfach „modern", und finden sich lauf dem Boden der gemeinsamen Gleichgültigkeit als Geshmungs verwandte zusammen. Und wenn sie unter einander heiraten, empfinden sie ihre Verbindung mindestens im religiösen Sinne keineswegs als1 Mischehe. Unter der Einwirkung dieses Geistes stehen sogar in gewissem Grade die Keligionen Europas1 heute selber. Denn sie lassen alle, ohne Ausnahme, die eigenartigen und ausgeprägten Züge, die so recht eigentlich ihr Wesen bezeichnen, zurücktreten. Dafür betonen sie alle mehr die allgemeinen Gedanken und Empfindungen, die allen Menschen Europas und der neuen Welt gemeinsam . sind. Die Gegen wart; schleift überall die religiöse Eigenart, bei den großen •GlaubensgemeiLischaf ten und bei ihren Gliedern ab, und der Zug zur Mischehe entspricht - mithin dem Strom der Zeit. Wir finden ilin daher auch bei Menschen jeden Glaubens. Aber das Judentum hat mit dieser Strömung unserer Tage doch ganz besonders