Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 15 (1915)
- Issue
- Heft 1-5 (Januar-Mai 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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& OSTa^CeSTT v ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 1-5. Januar—Mai 1915. XV. Jahrs. NARCISSE LEVEN geb. 15.Oktober 1833, gest.ö.Januar 1915. Alt und satt an Tagen ist er gestorben, wie ein Patriarch der Bibel. Die besten Kräfte hat er die längste Zeit seines Lebens der Arbeit im Dienste seines Ideals gewidmet: der Befreiung seiner Glaubensbrüder in der ganzen Welt von mittelalterlicher Bedrückung und der Erkämpf ung ihrer Gleichberechtigung in Staat und Gesellschaft. Er gehörte zu den allerersten Gründern der Alliance, war einer der Unterfertiger des Manifestes von 1860, das die Gesellschaft ins Leben rief, stand dann zwanzig Jahre in ihren Diensten als Generalsekretär, nachher als Vizepräsident und schließlich bis in die letzte Stunde seines Lebens als Präsident. Im Staatsdienst seines Vaterlandes nahm er hohe Stellungen ein. Er war einer der Mitschöpfer, und dann Präsident der J. G. AL Ein großer Teil seiner Kraft gehörte der Arbeit an der kulturellen und wirtschaftlichen Wiederbelebung Palästinas. Von dem, was auf diesem Gebiete errungen worden ist, ist ein sehr beträchtlicher Teil ihm zu verdanken. In ihm verkörperten sich die besten und reifsten Traditionen der Alliance. Mit den bedeutendsten Männern des Judentums aller Länder, die von dem gleichen Streben beseelt waren, hat er gearbeitet, und nie ist ein Mann weniger als er in die Oeffentlichkeit getreten, hat sich weniger als er in den Strahlen der Popularität gesonnt. Die Fäden aller Aktionen der Gesellschaft ruhten fünfzig Jahre hindurch in seiner Hand, und sein Name war in der Welt weit weniger bekannt als jeder andere. Wenn er am Ende seines Wegs die zurückgelegte Strecke überblickte, konnte er sich sagen, daß er ein Leben voller Sorge und Treue und rastloser Arbeit hinter sich hatte, aber er mußte sich auch sagen, daß es jetzt gelte, die Arbeit von vorne, ganz und gar von vorne anzufangen. In den letzten Stunden seines,; Lebens sind wohl Erinnerungen aus der Jugendzeit in ihm erwacht, und wenn er die damaligen Stimmungen und Zustände mit dem verglich, was jetzt in der Welt vorging, so konnte nur ein felsenfester Optimismus ihn davor behüten, an dem ewigen Wert der ethischen Ideen und der Entwicklung zur Gerechtigkeit zu verzweifeln. Als junger Knabe erlebte er die Affäre von Damaskus (1840), in welche Moses Montefiore, Adolphe Cremieux und Salomon Münk so erfolgreich eingegriffen hatten, und zwar unter dem Beifall von ganz Europa. So hatte in London z. B. der Lord Mayor im Mansion House ein Meeting einberufen, an welchem Kaufleute, Bankiers, Abgeordnete, Mitglieder des hohen Klerus teilnahmen. Kein Geringerer als O'Connel faßte die Gedanken der Redner in die Worte zusammen: „Ich appelliere an alle Engländer, daß sie ihre Stimme erheben zugunsten der Opfer dieser schmählichen Anklage." Das war zweiundsiebzig Jahre vor dem Beilisprozeß. Aber nicht nur die öffentliche Meinung der Kulturwelt nahm sich der verfolgten Juden an, auch die Regierungen taten es. Im englischen Parlament, das den Juden dazumal noch verschlossen war, forderte Sir Robert Peel Lord Palmerston auf, im Namen der englischen Regierung einzuschreiten, „um den in Damaskus an den eingekerkerten Juden verübten Grausamkeiten ein Ende zu machen". Lord Palmerston antwortete, „er habe den englischen Generalkonsul beauftragt, Sr. Hoheit dem Vizekönig von Aegypten vorzustellen, welchen schlechten Eindruck derartige Vorgänge in Eng-