Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1913)
- Article
- Hinter Mauern
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 963 - 964 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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963 Henri Nathanscn: Hinter Mauern. 964 lieh gesehen; die Natürlichkeit der Bewegungen in Raum und Rede ist scharf und neu abgelauscht; Kommen und Gehen, die Melodie des Dialogs erheben sich oft über das Ungemein-Geschickte ins Sachlich- Poetische, das Freundliche, Humorvolle des Alltäglichen mischt sich unauffällig mit dem Ernst der Geschehnisse, kurz: das meiste ist mit überraschendem Können hingesetzt. Dalier geht von mancher Szene etwas Anheimelndes auf den Beschauer über. Der Nichtjude sagt: das ist doch wirklich ein merkwürdiges, in seiner stillen und tiefen Kultur dauerndes Volk; und zum neuen Juden strömt es herüber aus Zeiten der Väter und Grossväter, aus mildleuchtenden Freitag-Abend-Gassen, aus heiligen, lieben Gebeten, die zu einem intim-besorgten, treuen Gott aufsteigen, aus einem niewiederkelirenden, süsssingenden Familienleben, — so dass man am Schlüsse bedauert, dass dieses Stück trotz alledem keine nachhaltige Wirkung hinterlägst. Die Tendenz des Stückes (die nicht einmal klar herausgeschält ist) verdirbt alles. Welche Tendenz'? Die fernere, gewissermassen ideale und letzte Tendenz ist: die Menschlichkeit, die über alle äusserliche, gestempelte Religion sich erheben soll. Um eine solche verlohnte es sich wohl, eine bedeutende Handlung aufzubauen. Was aber geschieht bei Nathanscn? Er spannt seine höchste Forderung in einen engen Schraubstock und erstickt sie. Schon im Moment, wo der Vater — ob das hinter oder in der Handlung geschieht, bleibt sich gleich — in die Ehe einwilligt, fällt das Stück. Nun kann geschehen, was da wolle, die innere Erwartung ist hin, weil das feinere Gefühl vom Brüchigen überzeugt ist. Nun folgt Fehler auf Fehler: dass derselbe Vater, der seine Tochter gewähren Jiess, der zu seinem Todfeind ins Haus geht, so furchtbar erschrickt, wenn der Etatsrat auf die christliche Trauung und auf die Taufe der Kinder besteht, ist geradezu lächerlich, und damit ist der Konflikt ein nur scheinbarer geworden. Nun kann nur noch durch momentane Tricks die Stimmung belebt werden. Dazu hat die Regie die letzten wichtigen Zeilen der Mutter gestrichen und damit den Zuschauer noch unruhiger gemacht. In der Buchausgahe schliesst das Stück mit den Worten: „Herr — lass mein Kind glücklich werden! Wenn dieser Satz aber ungesprochen bleibt, weiss niemand: sind die Eltern endgültig ausgesöhnt oder nicht? Die Undeutlichkeit der Charaktere ist damit nur bekräftigt. — Arthur Bergen spielt den alten Devin mit aufgetragener Routine, ohne Herz, und nimmt durch schwächliche Akzente — z. B. im Hause des Etatsrates — der Rolle die nötige Würde. Und auch sonst sind fast nur mittelmässige Leistungen zu verzeichnen. Jacob (Fritz Lion) macht sich zu sehr über sich selbst lächerlich, Meyer (Max Jungk) ist zu jugendlich und;,komiseher" als nötig ist, und „der Doktor" ist."weichlieh. Da ist die etatsrätliche Familie (GustayJBotz als Vater, Olga Engl als Mutter und Walter Steinbeck als Dr.■■Henning) schon eher am Platze; auch Esther (Mathilde Brandt) hält ihre Rolle wirksam durch. Die einzige 'Leistung,1 von der ein Atem wirklicher Kunst ausgeht, bot "Frieda Richard als Frau SaraLevin. DER SHYLOCK VON KRAKAU. Melodrama von Felix Saiten. Wird schon in „Hint er Mauern" zu sehr mit Wirklichkeit sehr mioser ist als das Wort — in der Gemütlichkeit des jüdischen Heims geprotzt, dem Filmstück j,Der Shylock von Krakau". Die so geschieht es doppelt schlimm — weil blosse Fabel ist äusserlich zurechtgehaut, um erstens Szene aus dem Filmdrama „Der Shylock von Krakau" von Felix Saiten.