Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1913)
- Article
- Jüdische Juristen in England
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 959 - 960 (sequence 5)
- Language
- German
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959 Jüdische Juristen in England. 960 Kaufmanns geboren und erhielt seine erste Erziehung in einer jüdischen Schule. Er war auch sein Leben lang ein treuer und rassenbewusster Jude. Da er wegen der damals in England noch herrschenden Ausnahmegesetze gegen die Juden die Oxforder oder die Cambridger Universität nicht beziehen konnte, liess er sich an der Londoner Universität immatrikulieren, studierte mit grossem Erfolge Rechtswissenschaft, Philosophie und Mathematik. Nach Absolvierung seiner Studien liess er sich in London als Anwalt nieder. Im Jahre 186S wurde er als Liberaler zum Mitglied dos Unterhauses gewählt, wo er sich durch seine Reden über die damals im Unterhause behandelte Concurs- Bill besonders auszeichnete. Im Jahre 1871 ernannte ihn Gladstone zum Solicitor-General. Zwei Jahre später wurde er als Nachfolger Lord Romillys zum Master of the Rolls, also zu einem der höchsten Richterämter des Landes ernannt. Der Master of the Rolls ist . neben dem Lordkanzler die größte richterliche Autorität des Lordgerichts. Später wurde er zum Präsidenten des Appelhofes bestellt. In dieser Eigenschaft hat er einmal eine zweiundzwanzigtägige Gerichtsverhandlung, zu der 150 Zeugen geladen waren, in weniger als einer Stunde ohne Notizen zusammengefasst. Nach seinem im Jahre 1883 erfolgten Tode sagte ihm die „Times" nach, dass er durch seinen Scharfsinn und durch die Schnelligkeit seines Denkens die Arbeit von fünf Gerichtspräsidenten geleistet habe, Seine grosse Sammlung von Entscheidungen bildet ein. juristisches Kapital und zeugt von einem schöpferischen, rechtsbildenden Geiste. Durch sie hat das englische Recht eine positive Bereicherung erfahren. Ein Sir George Jessel an. Scharfsinn und rechtsbildender Kraft nicht nachstehender Geist, war Judah Benjamin, der 1811 in St. Thoma als englischer Untertan geboren wurde und als einer der politischen Führer der Südstaaten beim Ausbruch des Krieges mit den Nordstaaten bekannt war. Judah Benjamin praktizierte zuerst als Anwalt in New-Orleans. Von 1848 bis 1852 war er Mitglied des Obergerichtes in New-Orleans. Im Jahre 1852 wurde er zum Senator für Louisiana gewählt. Im Jahre 1861 zog er sich von der Politik zurück, verliess Washington, um sich beim Ausbruch des Konfliktes zwischen Nord und Süd auf die Seite der Südstaaten zu stellen. Er war Kriegsminister der provisorischen Regierung Jefferson Dävis's und galt als die tüchtigste politische Kraft des Südens. Nach der Katastrophe bei Appomottex flüchtete er in einem kleinen Boot an die Küste von Florida und entkam nach England, wohin ihm sein grosser Ruf als Jurist, uncl Richter vorangegangen war. Innerhalb kurzer Zeit war er der gesuchteste und meistbeschäftigste Anwalt in London. Sein jährliches Einkommen belief sich auf 400 000 Mark. Im Jahre 1872 ernannte ihn die Königin Victoria zum Queen's Councillor, eine Ehre, die nur wenigen Juristen in England zuteil wird. Nach seinem im Jahre 1883 in Paris erfolgten Tode fand man in seinem Nachlass eine Anzahl bedeutender rechtswissenschaftlicher Schriften, die bald veröffentlicht wur den, und noch heute Kapitalwerke der englischen Rechtswissenschaft bilden. Ein mehr dem jetzigen Lord-Oberrichter verwandter Typus ist der vor kurzem verstorbene berühmte jüdische Anwalt Sir George Lewis, einer der hervorragendsten Kriminalisten seiner Zeit. Er galt als die bedeutendste Autorität auf dem Gebiet des Eherechts und der Ehescheidung, and war der Vertrauensmann der englischen hohen Gesellschaft. Im Jahre 1902 wurde er in den erblichen Adelstand erhoben. Dem englischen Anwaltstand gehörte er seit dem Jahre 1856 an. Als der bekannteste gelehrte Jurist (internationales Recht) in England, gilt heute der im Jahre 1829 geborene und in Frankfurt a. M. erzogene Arthur Cohen. Arthur Cohen ist King's Council und Mitglied des Privy Council, also ein Right Honourable. Er ist der juristische Beirat des Königs von England, wenn der König als Schiedsrichter angerufen wird. Cohen hat auch selbst verschiedentlich im Auftrage des Königs und der Regierung grosse internationale Streitigkeiten juristisch beigelegt. Er ist ferner der Verfasser einer Reihe grundlegender Werke über internationales Recht. Die Regierung hat ihm schon mehreremal einen Richterposten angeboten, aber der greise Gelehrte hat dies immer bescheiden abgelehnt. Mr. Arthur Cohen, zu dem die ganze englische Juristenwelt mit Bewunderung und Verehrung emporblickt, ist auch ein aktiver Jude und war Jahre lang Präsident des Board of Deputies (Rat der englisch-jüdischen Gemeinden). Er gehört noch heute diesem Rate als Mitglied an. Mit dieser Aufzählung ist die Liste der Namen grosser jüdischer Juristen'Englands der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart keineswegs erschöpft. Es wären noch als hervorragend in ihrem Fache zu nennen: Mr. Alexander, der gegenwärtige Präsident des Board of Deputies, der auch Kings Council ist, Mr. Langdon, ebenfalls King's Council und noch einige andere. HINTER MAUERN. Schauspiel in vier Akten von Henri N a t h :i n s c n. Aus dem Dänischen übersetzt von Dr. J o Ii n Joscphsou. (Zur Aufführungim Berliner „Komfklicn-Haus".) Der Inhalt des Stückes ist folgender: Esther, die der Fabel, mit der Tochter. Endlich fügt sich Tochter glaubenstreuer Eitern, verlobt sich im stillen der Vater. Als es aber zwischen ihm und dem mit dem Dozenten der Literatur Dr. Herming, dem Etatsrat zu einer heftigen Auseinandersetzung über Sohne des antisemitischen Etatsrates, dem alten die Art der Trauung und den Glauben der zu¬ Feinde ihres Vaters. Dieser, der alte. Levin, ist künftigen Kinder kommt und Esther auch hierin darüber empört, die Mutter hält es, wie immer in die Eltern völlig enttäuscht, verlassen Levins das