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Ost und West · 1913-09-01 · Heft 9 (September 1913) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 9 (September 1913)
Date
1913-09-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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,Wr»A 0STT»Ä€ ST V ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 9. September 1913. XIII. Jahrg. EIN HALBER TROST. Von Ach ad Haam. Unter all den Kränkungen, unter denen wir in der letzten Zeit zu leiden haben, berührt uns keine so tief und so schmerzlich als die Blutlüge. Diese ungeheuerliche Verleumdung, die schon so alt ist und schon so häufig erhoben wurde, ist uns immer wieder neu, und sie wirkt mit ungeschwächter Kraft nicht bloss auf diejenigen von uns, die sich am „Tatorte" befinden, sondern überall, wohin nur die Kunde von jener Verleumdung dringt. Wenn im Mittelalter die gesamte Judenheit sich mit jenen unglücklichen Opfern, denen das Los, die Sündenböcke der Gesamtheit zu sein, zugefallen war, solidarisch fühlte und sich gewissermassen als deren Mitangeklagte betrachtete, so war es erklärlich durch die physische Gefahr, in welche die Gesamtjudenheit jedesmal in einem solchen Falle tatsächlich geriet. Und wenn vor einem halben Jahrhundert, in den glücklichen Anfängen der Gleichberechtigung, die Blutlüge von Damaskus eine solche Entrüstung erregt hat, so war es, im Gegenteil, durch die ungeheure Empfindlichkeit verständlich, die die westeuropäischen Juden in den Flitterwochen der Emanzipation da, wo ihre Ehre und ihre Rechte auf dem Spiele standen, an den Tag legten. Wenn aber in unseren Tagen, da einerseits die physische Gefahr, besonders für die vom Schauplatz Entfernten, nicht mehr gross ist, und da wir andererseits schon längst gewohnt sind, die Verleumdungen und Beschuldigungen, die tagtäglich gegen uns erhoben werden, mit kaltem Blute anzuhören und unser Ehrgefühl völlig abgestumpft gegen sie geworden ist, wenn trotzdem noch immer ein Beben der Entrüstung durch unsere Reihen geht, und ein Sturm der Empörung von allen Seiten losbricht, um diesen Schmutz von uns abzuschütteln, so ist es ein Beweis, dass nicht äussere Furcht und äusseres Ehrgefühl, sondern dass es der Geist des Volkes ist, der hier brennend die Schmach empfindet und sie abzuwälzen sucht, und dass hier die wundeste Stelle in unserem Herzen getroffen ist. Doch jedes Uebel hat seine gute Seite, d. h. seine gute Lehre. Auch das grosse Uebel, von dem wir jetzt sprechen, ist nicht ohne seine gute Lehre. Wir aber, die wir nicht die Herren unseres Schicksals sind, sondern, ob wir wrollen oder nicht, das Gute und das Böse von aussen empfangen, wir sollten jedenfalls aus dem uns zugefügten Bösen die gute Lehre, die in ihm. enthalten ist, ziehen, damit sie uns wenigstens einen halben Trost gewähre. Eines der bedeutendsten Momente im gesellschaftlichen Leben ist der sogenannte consensus omnium, die „allgemeine Uebereinstimmung". Es gab eine Zeit, da selbst die Philosophen in dieser Uebereinstimmung einen sicheren Beweis für den Gegenstand, der sich jene errungen hat, erblickten, und sie Hessen sie unter anderem als einen der Beweise für das Dasein Gottes gelten. Jetzt allerdings wissen die Philosophen sehr genau, dass es keine noch so grosse Lüge oder Torheit gibt, die nicht unter günstigen Umständen die allgemeine Uebereinstimmung gewinnen kann. Aber nur die Philosophen wissen es, das Volk hingegen kennt auch jetzt keine grössere Autorität als diesen Konsensus. Wenn die ganze Welt glaubt, dass es so ist, dann ist es sicher so, und wenn ich es auch nicht begreife, so begreifen es ja die anderen, und wenn ich auch das Gegenteil zu sehen glaube, so sehen es ja „alle" nicht minder, und trotzdem glauben sie's, sollte ich denn klüger sein wollen als die ganze Welt? Dies ungefähr ist die Gedankenverbindung im Hirn des gemeinen Mannes, und auf Grund derselben fügt er zu der allgemeinen Uebereinstimmung auch die seinige

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