Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- Die Muckerschul
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 645 - 646 (sequence 2)
- Language
- German
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645 Marie Riescnfekl: Die Muckerschul. 646 die Blumen wie aus einem Traume, und meine Seele geht den feinen Glockenstimmen nach, die zu singen anfangen. Und doch war mein Kinderreich nur ein weiter, hoher Raum in einem alten, hohen Hause, ein Raum mit hohen Bogenfenstern und mit einer hohen Flügeltür. Nach Osten zu wehte sich aus glühenden, bunten Farben ein grosser runder Stern mit einem Mogen- Dowid über dem Fenster zusammen, und die gleichen satten Farben fanden sich in dem Stern wieder, der fächerartig im Halbkreis über der Flügeltür ausgebreitet lag. Hier oben war einstmals die Mucker - schul", in der die Frommen der Stadt ihre täglichen Gebete und ihren Gottesdienst verrichteten. Bestand die Schul schon, bevor die Synagoge erbaut war? — ich weiss es nicht mehr recht, aber als der Tempel schon stand, waren zwischen den ganz Frommen und den Neueren religiöse Meinungsverschiedenheiten entstanden und so blieben denn die Frommen mit ihrem alten Rabbiner in der Muckerschiü und die Neueren beteten mit einem neuen Rabbiner in der Synagoge. Aber es kam die Zeit, da niemand mehr in der Muckerschul betete. — Da wurden Wände durch die geheiligten Räume gezogen und Mietswohnungen daraus gemacht. Stille Juden zogen ein mit klugen, leidgewohnten Augen, manche auch schon mit früherbleichten weissen Haaren. Die gingen leise ihren Pflichten nach und es war eine grosse träumerische Ruhe in der Muckerschul. Die Seelen der frommen Beter aber, die inzwischen gestorben waren, die Seelen kamen zum Beten an ihre alte Stätte zurück. — So sagte man. — Und manchmal raunte, flüsterte und murmelte es um das Haus mit tausend 'Stimmen. Das war, wenn der Wind mit Geisterfingern um den Altan draußen mit seinen unzähligen kleinen Glasscheiben strich, wenn er sich in den zerbrochenen und geborstenen Fensterchen verfing. „Hört ihr, sie beten", sagte Dördel, die junge jüdische Köchin, und mit leisem Schauern lauschten wir, wie das dumpfe, eintönige Gebetsmurmeln, zu dem wir im Geiste die Beter sich neigen und wiegen sahen, inbrünstig anschwoll. Alles schien in dieses Auf- und Niederwogen eingehüllt. — Es gab auch graue schwere Regentage, wo die Stimmen draussen zum lauten Weinen und Klagen wurden, wo sie sich zum Stöhnen und Schreien verdichteten, wie wenn bange Herzen ein grosses Leid von sich abwälzen wollen. Meine Wege waren ja noch leicht und hell, und meine Gedanken gingen noch auf goldenen Brücken bis in den Himmel spazieren, aber das Bangen draussen schlich sich doch dunkel in mein Empfinden, wie schwarze grosse Flügel beklemmend dicht an einem vorüberstreichen. — Dann musste Dördel singen, und sie sang alte jüdische Lieder, die mit ihren schwermütigen Melodien sich in die Seele saugen. Bis auf den heutigen Tag habe ich diese Lieder anderwärts nicht mehr singen hören und mühe mich mitunter, die Worte dazu, von denen mein Gedächtnis nur Bruchstücke behielt, zu finden. Audi aussen um die Muckerschul war es ruhig und still wie drinnen. Das Haus lag im Herzen der Stadt, die Schul selbst aber war im Hintergebäude untergebracht. Bis dahin drang das Geräusch der Straße wie aus fernen unwirklichen Welten. In den Zimmern waren die Fenster unerreichbar' hoch, man sah nicht die Erde und die Menschen, sondern nur die Häusergiebel und den Himmel darüber. Und darum spannte sich um die Zimmer ein Netz wunderlicher Träume. Aus allen Winkeln und Ecken huschten sie, wenn die Dämmer clunkelschattend ineinanderflössen, — durch die Fenster guckten sie herein, wenn am Abendhimmel einzelne goldene Inseln, wie Gefilde der Seeligen schwammen und die Häusergiebel sich von dem glühenden Abendrot wie schwarze, scharfgezeichnete Silhouetten abhoben. Und in den farbenglühenden Sternen hingen sie wie verlockende Früchte, die man nur zu pflücken braucht. Wenn die Mutter mit uns das Hamapijl, das Schema jisroel und Adaun aulom gebetet und uns den Gutenachtkuss gegeben hatte, dann blickte ich in den Stern, der nach Osten ging und seine Farben umschmeichelten alle meine Sinne. In den hellen, weissen Nächten kamen die Mondenstrahlen, mit den Farben zu kosen, und mit ihnen wanderten meine Träume in weite selige Reiche, in die Märchenländer, die ich aus „Tausend und eine Nacht" kannte. Gärten voll fremdartiger Schönheit liess meine Sehnsucht vor mir erstehen. Nie hatten meine Augen diese Gärten gesehen, in denen reine, weisse Steinbilder standen, und aus weiten Marmorbecken silberne Tropfen in die Höhe sprühten. Ich sog. den Duft flammender Blumen ein, die nur für mich blühten, ich hörte ein wundersames Klingen und Singen, das über den Gärten schwebte. — Das war jene süsse Melodie, che in mir lebte und für die ich die Töne niemals finden konnte. — Schlanke Palmen flüsterten im Nachtwinde und erzählten mir von Orangenhainen und von hohen Sykomoren, die auf mich warteten. — Etwas von dem Duft und Glanz nahm ich oftmals mit in meine nächtlichen Träume, undv weckte mich das Morgenlicht, dann hingen auch wieder meine goldenen Träume hoch oben in den bunten Sternen. Wir zogen von der Muckerschul fort, ich war gerade 13 Jahre alt, und so wie es die Seelen der Frommen dahin zurückzog, so fand mich jeder neue Tag im Dämmern in irgend ein Winkelchen des alten Hauses geschmiegt. Dort blieb ich, bis die Lichter in den Fenstern aufblinkten und meine Träume verjagten. Schliesslich nahm mir das Leben, das gelebt und nicht geträumt sein wollte, die Träume sacht aus der Hand und füllte sie mit Inhalt. Nur in gütigen Feierstunden und in den Träumen der Nacht wandert meine Erinnerung durch die engen Gassen der Heimatstadt und sucht meine glückseligen Kinderjahre mit allen Ahnungen einer reichen, wunderbaren Welt in der Muckerschul.