Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ospgwfe ST. ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 8. August 1913. XIII. Jahrg. DAS INTERESSE DER JUDEN AM V. INTERNATIONALEN KONGRESS ZUR BEKAEMPFUNO DES MAEDCHENHANDELS. London 30. Juni bis 4. Juli 1913. Von Bertha Pappenheini, Frankfurt a. Main. Die Aufgabe, als Frau und Jüdin an einem Kongress zur Bekämpfung des Mädchenhandels feilzunehmen, ist eine doppelt schwere. Die Geschlechtssklaverei, die käufliche Hingabe des Weibes solidarisch als eine Entehrung der ganzen Frauenwelt aufzufassen, alles, was diese Sklaverei herbeiführt und erleichtert, fördert oder gutheisst, zu verdammen, ist eine ethische Forderung, die sich in den Kreisen der zum Selbstbewusstsein erwachenden Frauenwelt immer kräftiger Bahn bricht. Diese Forderung gewinnt an praktischer Bedeutung angesichts des Ueberhandnehmens der Zerstörungserscheinungen an Werten des Volkswohles und der Volksgesundheit durch die freie Willkür polygamen Geschlechtsverkehrs und die Sanktionierung der doppelten Moral durch die unaufgeklärte öffentliche Meinung. Aber die Natur anerkennt nicht die Ungerechtigkeit der doppelten Moral: der männliche Prostituierte ist moralisch und physisch ebenso ein Krankheitsträger wie die weibliche Prostituierte, nur noch gefährlicher als diese, weil er gesellschaftlich noch so wohlgelitten ist und weil er unwissende, ahnungslose Frauen und unschuldige Kinder frei verderben kann. Diese Erwägungen bilden mit vielen anderen innerhalb der Bekämpfung des Mädchenhandels einen Gedankenkomplex von erhabener Wichtigkeit, in dessen Auffassung und Beurteilung sich tatsächlich die Frauen aller Nationen und Konfessionen verstehen und im Kampfe für die gleichen Ideale treffen. Kein Unterschied ist im Empfinden der Jüdin und der Christin, wenn auf Kongressen Fragen solcher Allgemeingültigkeit das Verhandlungsthema bilden. Ein Wort, ein Blick und das Gefühl der Solidarität stärkt und verbindet die Reihen der Frauen. Anders wird es, wenn die Frage der Teilnahme der Juden am Mädchenhandel laut oder leise, deutlich ausgesprochen oder nur im Unterton berührt, aus den Reden klingt. In solchen Momenten steigt mir die Schamröte ins Gesicht und es ist, als öffne sich eine Kluft zwischen mir und den Frauen der beiden christlichen Bekenntnisse, denn wie soll ich es ihnen und den christlichen Männern, wie soll man es überhaupt Freunden, Gegnern, Feinden erklären, dass bei uns Juden — deren Gesetz höchste individuelle und soziale Moral heischt — Mädchen die Ware des Weltmarktes bilden und eine ungeheuer grosse Zahl der Händler und Händlerinnen, Zwischenhändler und Agenten Juden und Jüdinnen sind!? Wer kann die osteuropäische Golus-Verelendung und ihre sittliche Verwahrlosung erklären? Wer kann sie verstehen, der sie nicht kennt und fühlt in ihrer jammervollen Vielfältigkeit? Wie ist es aber auch andrerseits zu erklären und zu begreifen, dass die westeuropäischen und die amerikanischen Juden, die seit einem Jahr-