Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1913)
- Article
- Fünfundzwanzig Jahre deutscher Kaiser
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 523 - 524 (sequence 2)
- Language
- German
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523 Fünfundzwanzig Jahre Deutschor Kaiser. 524 Orthodoxie müssen ohne Widerhall an sein Ohr gedrungen sein! Und nicht nur das: ohne Rücksicht auf alle die Strömungen um ihn herum, hat er manchen Juden seines persönlichen Umgangs, ja seiner Freundschaft für wert befunden und damit immerhin gezeigt, dass die Vorurteile selbst jener Menge, die den Thron vom Volke absperrt, für ihn nicht existieren. Freilich hat eine von allen Skrupeln freie Agitation sich nicht gescheut, selbst daraus den Juden einen Strick zu drehen mit der Behauptung, dass es jüdischer Einfluss gewesen sei, der den Kaiser zu allem verleitet habe, was aus irgendeinem Grunde das Missfallen mancher Kreise erweckte. Wäre jetzt die Zeit und hier der Ort, sich in die intimere deutsche Geschichte der Zeit Wilhelms II. zu vertiefen, so könnte noch vieles beigebracht werden, um darzutun, dass nicht die Gesinnung des Kaisers die Ursache ist, wenn so manche berechtigte Wünsche der deutschen Juden in diesen fünfundzwanzig'Jahren sich nicht erfüllt haben. Gewiss danken wir Juden mit dem ganzen deutschen Volke, mit der ganzen Welt es dem Kaiser, dass er ein Friedensfürst sein wollte, und dass seine kriegerischen Rüstungen bisher immer nur der Verhinderung des Krieges gedient haben. Wir danken ihm jenen Satz, den er 1902 in Posen mit Bezug auf die Polen sprach, den wir aber mit noch grösserer Berechtigung auf uns anwenden dürfen: „Das Königreich Preussen setzt sich aus vielen Stämmen 'zusammen, die stolz sind auf ihre frühere Geschichte und Eigenart — das hindert sie aber nicht, vor allem brave Preussen zu sein". Wir sind ihm naturgemäss besonders dankbar für alles besondere Interesse, das er uns nicht gar so selten bezeigt hat. Aber das darf uns nicht hindern, eben auch zu sagen, dass uns noch viele bescheidene Wünsche unerfüllt sind. Es ist nun einmal das Schicksal der Fürsten, dass sie an ihren Jubeltagen reicher noch als mit Gaben bedacht werden mit Wünschen, in deren Erfüllung ihr Lohn sich birgt So wünschen wir, dass es dem Monarchen vergönnt sein möchte, wie er einst gegen den Willen mächtiger Kreise das zu Recht bestehende Ausnahmegesetz gegen eine politische Partei aufhob, recht bald auch die ungeschriebenen, zu Unrecht bestehenden Ausnahmegesetze gegen die deutschen Juden aufzuheben. Wir wissen wohl, dass Kaiser Wilhelm nicht schuld trägt an ihrer Existenz, ja, dass sein Wille allein nicht einmal viel zu ändern vermöchte gegenüber tief wurzelnden und systematisch gepflegten und gross gezogenen Stimmungen. Aber so weit wir auch davon entfernt sind, dem Kaiser eine Verantwortung aufbürden zu wollen, die ihn nicht trifft: wenn er, ein weitausschauender, vornehmer und kluger Herrscher, nach all dem gleissenden Glanz der Feste überdenkt, was ihm zu tun noch übrig blieb, so kann es ihm nicht entgehen, dass hier seinem energischen Willen noch ein Feld offensteht Eine Aufgabe um so dankarer für einen starken Fürsten, weil ihre Bewältigung von unten her in Generationen nicht die Fortschritte machen kann, denen ein fester Ehtschluss des Kaisers vielleicht in wenigen Jahren den Weg zu ebenen vermöchte. Noch im Jahre 1910 sprach der Kaiser in Marienburg die Worte: „Wir sollen in brüderlicher Liebe zusammenhalten, die Konfessionen, und die Stämme. Wir sollen einem jeden Stamm seine Eigenheit und Eigenart lassen". Kann er also wünschen, dass uns Juden das unmöglich gemacht werde, wenn wir im Staate als Gleiche gelten wollen? Wir vermögen es nicht zu glauben, wenn nur die Juden zeigen, dass es auch ihnen heiliger Ernst ist mit dem Willen zu ihrer Eigenart. Nur dann kann uns die Aera Wilhelms II. vielleicht noch bringen, was sie uns bisher leider versagte. DIE PALAESTINA- ARBEIT UND DER ZIONISMUS. Von Dr. PK. Rosen. i Das geschichtliche Drama, so reich an Momenten von erschütternder Tragik, das sich im letzten Winter vor unsern Augen abgespielt hat, ist jetzt nach dem Frieden von London vorläufig zum Stillstand gelangt. Das osmanische Reich, das ehedem in drei Weltteilen eine herrschende Stellung eingenommen hat, ist bis auf einen kleinen Streifen Landes von Europa gänzlich verdrängt, und auch in Afrika hat es unterdessen seine letzte Provinz verloren. Die Türkei ist jetzt ein ausschliesslich asiatischer Staat, und Konstantinopel, wo Europa und Asien sich berühren, hat jetzt keine Bedeutung mehr als Hauptstadt des ehemals europäisch-asiatischen Reiches. Für die Zukunft der Türkei ist dies vielleicht das wichtigste Moment. Sie hat durch die letzten Ereignisse ihren Stützpunkt in Europa verloren und kann nicht mehr mit der früheren Entschiedenheit