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Ost und West · 1913-07-01 · Heft 7 (Juli 1913) · p. None

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 7 (Juli 1913)
Date
1913-07-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 7. Juli 1913. XIII. Jahrg, FÜNFUNDZWANZIG ]AY Ein einzigartiges Jubiläum durfte in diesen Tagen Wilhelm IL begehen, ein Jubiläum, dessen Berechtigung auch die der neudeutschen Festesfreudigkeit kühler gegenüberstehenden Zeitgenossen nicht verkennen konnten. Ein Vierteljahrhundert Deutscher Kaiser — in der Tat, der 16. Juni verdiente die Feiern und Feste, deren rauschender Trubel nun hinter uns liegt. Und wenn in den zahllosen Artikeln und Reden, in denen die Bedeutung des Tages gewürdigt werden sollte, bisweilen zuviel von der Last der Verantwortung für diese zweieinhalb Jahrzehnte deutscher Entwickelung auf die Person des Kaisers konzentriert wurde — in bester Absicht natürlich —, so sind wir deutsche Juden in der angenehmen Lage, objektiver sein zu können. Wir geben gern dem Kaiser, was des Kaisers ist, anerkennen freudig alles Gute, das die »Wilhelminische /^era" uns gebracht, danken aufrichtigen Herzens für Schlimmes, das sie uns erspart hat, und legen dem Kaiser nichts von dem zur Last, was auch die fünfundzwanzig Jahre seiner Regierung nicht geändert haben. Als der junge Kaiser am 18. Juni 1888 seine Proklamation „An mein Volk" erliess, in der er versprach, er wolle „Frömmigkeit und Gottesfurcht pflegen, die Wohlfahrt des Landes fördern, den Armen und Bedrängten ein Helfer, dem Rechte ein treuer Wächter sein", da hatten die deutschen Juden nicht allzuviel Hoffnung, diese Versprechungen auch für sich günstig deuten zu dürfen. Sie fürchteten damals, der erst neunund- RE DEUTSCHER KAISER. zwanzigjährige Herrscher möchte unter den Einfluss des noch mächtigen Hofpredigers Stöcker geraten und sich in das Fahrwasser einer ultrareaktionären und antisemitischen Politik treiben lassen. Aber auch die Drahtzieher, die am Werke waren, den Kaiser in dieser Richtung weiter zu drängen, mussten bald mit Bedauern erkennen, dass der Wille des neuen Herrn so leicht nicht zu lenken sei. Die sozialpolitischen Erlasse vom 4. Februar 1890, die Einberufung der internationalen Arbeiterschutzkonferenz, die Entlassung Bismarcks — all das bewies bereits in den ersten Jahren der Regierung Wilhelm IL, dass er jedenfalls von einem hohen Streben nach sozialer Gerechtigkeit erfüllt war, und dass er eigene Wege gehen wollte, die nicht mit denen der „Berliner Bewegung" Stöckers zusammenlaufen konnten. Dass Kaiser Wilhelm sich auch später nie wieder den Tendenzen der berüchtigten „Waldersee- Versammlung" genähert hat, ja dass er trotz seiner vielfachen Bekenntnisse zu strengem Christentum und sogar zu der staatsrechtlich heute unhaltbaren Theorie vom christlichen Staat, jene Bestrebungen, die Stöcker irreführend „christlich-sozial" nannte, energisch von sich abgewiesen hat, das danken ihm die deutschen Juden in erster Linie. Aber auch von keiner der anderen Richtungen, die ihn so gern zu einer antisemitischen Politik geführt hätten, hat der Kaiser sich je ins Schlepptau nehmen lassen. Wieviele Einflüsterungen von „deutsch-völkischer" Seite, von Alldeutschen, ja von der ihm sonst nahestehenden evangelischen

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