Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1913)
- Article
- Oberrabbiner Dr. Wolf Feilchenfeld - Posen
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 493 - 494 (sequence 1)
- Language
- German
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493 494 OBERRABBINER DäWOLF FEILCHENFELD - POSEN. Im Alter von nahezu 86 Jahren ist am 10. Mai Oberrahbiner Dr. Wolf-Feilchenfeld verschieden. Geboren am 28. Mai 1827 in Glogau, dem Geburtsorte hervorragender jüdischer Gelehrter, wie Leopold Zunz, Michael Sachs, Salomon Münk u. a., besuchte er das Gymnasium seiner Vaterstadt, das er im Alter von 17 Jahren mit dem Zeugnis der Reife verliess. An der Universität in Berlin, die er hierauf bezog, studierte er Philosophie und Orientalia, wo er auch im Jahre 1849 promovierte. Seine Arbeit „Ueber das ethische Prinzip der Stoiker" wurde im Jahre 1848 von der philosophischen Fakultät ehrenvoll ausgezeichnet. Seine rabbinischen Studien vervollständigte er unter R. Michael Landsberg in Berlin, R. Israel Lipschütz in Danzig und R. Mord. Mich. Jaffa in Hamburg. Im Jahre 1855 wurde er Rabbiner in Düsseldorf, wo er sich als vorzüglicher Kanzelredner bewährte und mehrere wissenschaftliche Werke verfasste. 1867 gründete er dort die jetzt in Cöln befindliche Lehrerbildungsanstalt, deren ehrenamtlicher Leiter er bis zu seinem Fortgang von Düsseldorf gewesen ist. Im Jahre 1872 wurde der inzwischen als Kanzelredner und Gelehrter rühmlichst bekannt Gewordene als Rabbiner nach Posen berufen, wo er über vier Jahrzehnte segensreich für die Gemeinde und die Judenheit gewirkt hat. Schon wenige Monate nach seinem Amtsantritt errichtete er die Religionsschule, deren aufopfernder Dirigent er bis zu seinem Tode war. Aus dieser Religionsschule ist der Jünglingsverein ..Leschaun Limmudim" erwachsen, in dem fleissig gelehrt und gelernt wird. Als er schon die Schwelle des Greisenalters überschritten hatte, da unternahm er noch mit jugendlichem Eifer die Ausbildung von Kultusbeamten, die als Schächter, Kantoren und Religionslehrer die Bedürfnisse der kleinen Gemeinden versorgen sollten. In frischer Erinnerung stehen noch die vielen Ehrungen, die ihm vor Jahresfrist, als er seinen 85. Geburtstag feierte, zuteil wurden. Mit Rabbiner Dr. Feilchenfcld ist ein Gelehrter von eminentem Wissen und grosser Kanzelberedsamkeit dahingegangen. Seine gewissenhafte Pflichterfüllung hatte "ihm die Liebe, Achtung und Verehrung auch derer eingetragen, die nicht seiner strengreligiösen Richtung angehörten. Seine Ratschläge und rituellen Entscheidungen wurden aus weitesten Kreisen eingeholt. Die Alliance Israelite Universelle, derem Central- Comite er vom Jahre 1876—1911 als ordentliches Mitglied, von da ab als Ehrenmitglied angehörte, hat durch seinen Tod einen schweren Verlust erlitten. Der Verblichene hat an den Arbeiten der Alliance regen und tätigen Anteil genommen. Er begnügte sich nicht damit die Mitglied erzähl nur in seiner Gemeinde zu vermehren, sondern er war mit Erfolg bestrebt auch in der Provinz Posen die Gemeindemitglieder für die Alliance zu gewinnen. Sein Andenken wird in der Alliance stets in Ehren gehalten werden. Von der Liebe und Verehrung, die dem Verblichenen gezollt wurde, zeigte die Beisetzung. Am Vormittag versammelten sich die Vertreter der Gemeindebehörden und Vereine, sowie die bereits eingetroffenen Rabbiner im Trauerhaus, wo die Söhne des Verewigten, Schuldirigent Dr. Josef Feilchenfeld- Posen und Realschuldirektor Dr. Feilchenfeld-Fürth herzliche Nachrufe ihrem teueren Vater widmeten. Hieran schloss sich die Rede des Hausarztes und ehemaligen Schülers Dr. Max Calvary und die des Verwandten, Rabbiner Dr. Lewin-Wreschen. Zum Schluss sprach für den Verein „Leschaun Limmudim" Herr Pincus Plessner. Dann erfolgte die Ueberl'ührung in die neue Gemeinde-Synagoge, wo um 3 Uhr die öffentliche Trauerandacht begann. In der dicht besetzten Synagoge hatten sich ausser den Leidtragenden auch die Behörden der Stadt mit dem Oberbürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher, sowie "der Stadtkommandant und Abordnungen einzelner in Posen garnisonierenden Regimenter, eingefunden. Es hielten Trauerreden: Prediger Dr. M. Hildesheimer- Berlin, Rabbiner Blum-Posen und Rabbiner Dr. Silberberg- Schrimm. Abwechselnd folgten die Trauergesänge des Oberkantors Leibowitz." Nach Beendigung dieser Feier bewegte sich der fast unabsehbare Zug nach dem Friedhof. Dort hielten Trauerreden: Rabbiner Dr. Münk-Berlin, Bankdirektor Goldschmidt im Auftrage der Gemeindebehörde und des Verbandes der Synagogen-Gemeinden des Regierungsbezirks Posen, Kaufmann Manasse Werner, als ältestes Mitglied der Repräsentantenversammlung, Rektor Dr. Hoffmann-Berlin, Rabbiner Dr. YVreschner, Samter, Rabbiner Dr. Rosenthal- Breslau, Verlagsbuchhändler Rosenheim - Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. A. Nobel, Frankfurt a. M., Seminardirektor Dr. Carlebach-Cöln, Rabbiner Dr. Jacobsohn- Gncsen, Rabbiner Dr. Loewenthal-Hamburg und Rabbiner Dr. Königsberger, Berlin. Dann wurde die Bahre von den anwesenden Rabbinen von der Halle zu dem in der Ehrenreihe befindlichen Grab getragen, wo die sterbliche Hülle neben der seiner Gattinbeigesetzt wurde. Die Abendschatten begannen sich schon zu neigen, als die letzten Erdschollen auf die Lade fielen, die das enthielt, was sterblich an Dr. AYolf Feilchenfeld war. rrssHn DIE JUDEN IN RUSSLAND. (Falsche Anschuldigung.) Frr Die in dem zivilisierten Europa herrschende Erregung, die entrüsteten Proteste hervorragender Gelehrter, Geistlicher aller Konfessionen und bedeutender Männer Frankreichs, Deutschlands und Englands gegen eine einzig auf die Legende des Ritualmords gestützte Anschuldigung sind auf die russischen Regierungsorgane nicht ohne Eindruck geblieben. Indessen wraren sie halsstarrig genug, dieser Tatsache nicht Rechnung zu tragen, indem sie den Unglücklichen, der das Opfer dieser lächerlichen Anschuldigung war, in seinem Gefängnis beliessen. Aber.die russische Presse brachte plötzlich sensationelle Enthüllungen eines christlichen Journalisten, des Herrn Brasul Bruschowsky. Er hatte sie vom Chef der Geheimpolizei in Kiew, Herrn Krassowsky,.. erhalten, der versucht hatte, Licht in die Angelegenheit zu bringen und dafür