Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1913-06-01 · Heft 6 (Juni 1913) · p. Seite 489 - 490

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 6 (Juni 1913)
Article
Dow Ber Meisels
Date
1913-06-01
Page
Seite 489 - 490 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584033-2584040-2604736--14603-2604781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

489 N. M. Gelber: Dow Ber Meisels. 400 zu knüpfen. Man wollte sieh demonstrativ mit den Juden verbrüdern und dazu sollte die Bestattung der Gefallenen die beste Gelegenheit bieten. Am 2. März fand das Begräbnis statt. Dank den Bemühungen Meiseis nahm eine ziemlich grosse Anzahl von orthodoxen Juden daran teil. Schon der Anblick des Leichenzuges bot ein Bild vollkommener Solidarität der Polen mit den Juden. Da gingen hinter dem Sarge katholische Geistliche, an ihrer Seite Ber Meiseis und der Prediger Dr. Jastrow. Arm in Arm schritten Polen mit Juden. Vergessen war all das Leid, das die Juden ihrerseits zu ertragen hatten, kein Mass, nur Brüderlichkeit und Liene herrschte an diesem Tage und alle Unterschiede, bis auf die Religion, schienen gesclrwunden zu sein. Am Grabe wurde der erste Verbrüderungsakt mit den Juden feierlich geschlossen. Nach den Gebeten der Geistlichen sprach Meiseis das jüdische Gebet für die Verstorbenen. Nachdem die Bestattungsfeier zu Ende war, setzte die bürgerliche Delegation ihre Beratungen fort, und hier scheint Meiseis rege tätig gewesen zu sein. Von nun an ging ei* bei jeder Gelegenheit ostentativ mit den zwei Mitgliedern, den Geistlichen \V y s z y n s k i und S t e c k i, um zu zeigen, wie ernst es mit der Verbrüderung sei. Am 8. März sollte eine Andacht zum Andenken der Gefallenen sowohl in den Kirchen als auch in den Synagogen stattfinden, um dadurch das Band der Vereinigung zu stärken. Die Juden besuchten an diesem Tage die Kirchen und umgekehrt die Polen die Synagogen. Die Prediger Kramsztyk und Dr. Jastrow hielten Predigten, in denen sie die letzten Ereignisse glorifizierten und versicherten, dass die Juden sich vollkommen als Polen fühlen. Meiseis war bei dieser Andacht zugegen, ohne aber aktiv teilzunehmen. Er zog es vor, durch stille Arbeit für die Sache zu wirken. In der Tat war die Beteiligung der Juden am Leichenzuge vom 2. März auf wenige Kreise beschränkt. Die Volksmassen blieben diesem, wie der ganzen Bewegung fern. Nun galt es, sie zu gewinnen. Auf Meiseis Veranlassung wurde nun an alle Synagogen in Russisch-Polen ein Aufruf geschickt, in dem auf die Verbrüderung der Polen mit den Juden hingewiesen wurde, sowie darauf, dass die Polen immer darauf bedacht waren, der Regierung nützliche Projekte zwecks Besserstellung der Juden vorzuschlagen. Ferner wird in diesem Aufrufe angedeutet, dass man von einer gewissen Seite12) bestrebt sei, durch gegenseitige Hetzereien und Zänkereien das Land zugrunde zu richten. Die Polen aber seien judenfreimdlich, was ja am deutlichsten die letzten Vorgänge beweisen, seit welchen die Polen die Juden als ihre Brüder und Stammesgenossen betrachten, und die Pflicht der Juden sei, die Polen zu unterstützen. Weiter heisst es: „Wir er- ") Gemeint sind die russischen Behörden, speziell Gorczakow's Beirat Muchanow, der die Bevölkerung gegen die Juden und diesewiederum gegen die Polen hetzte, um dadiirch^die^Polen zu schwächen. Dow Ber Meiseis. suchen euch, Brüder, dass ihr unseren Landesbewohnern mit grossem Eifer unsere Dankbarkeit beweiset, ihr sollt sie unterstützen in ihren Bestrebungen, denn ihr Wohl ist auch das unsere. Beeilet euch, die Adresse an den Zaren mit euren Unterschriften zu versehen, denn der Monarch will die Wünsche unseres Landes kennen lernen."13) Der Aufruf hatte den Zweck nicht verfehlt. In den übrigen Ortschaften besuchten, wenn nicht die jüdischen Volksmassen, so doch die Rabbiner und Vorsteher die Andachten in den Kirchen und unterfertigten die Adressen. Ausserdem suchte auch Meiseis durch private Korrespondenz die Polen als judenfreundlich darzustellen. Als ihm im Jahre 1861 der Rabbiner von Wloclaw, Josef Caro (der Vater des berühmten Historikers Jacob Caro), den Schaden vor Augen hielt, welche die von den Polen begründeten Kommissionshäuser und Korporationsgeschäfte den Juden bringen, indem sie den ganzen jüdischen Kleinhandel ruinieren, antwortete ihm Meiseis in einem hebräischen Briefe, aus dem wir klar ersehen, wie fest er an die Judenfreimdlichkeit der Polen glaubte. Da heisst es: „Wisset, dass das Bestreben dieser Herren keineswegs darin bestehe, an der Ware zu verdienen, sondern in einer anderen Absicht, die in ihrem H erzen liegt (gemeint ist hier die Absicht der Polen, sich mehr dem Handel zuzuzwenden). Es ist deshalb nicht ratsam, sie davon abzubringen und zum Vernachlässigen des Handels zu raten, was eben ihrer Meinung nach ihren Zielen schaden könnte." 14) So suchte Meiseis auf jede Weise die Juden von den wohlwollenden Absichten der Polen zu überzeugen. Man muss sagen, dass ihm dies in man chen Kreisen glänzend gelang. Um die Polen ihrer Sympathien zu Absichern, griffen die Juden zu ganz wunderlichen Mitteln. So hatten die Juden Warschaus zum Andenken an die Verbrüderung — der Bernadinerkirche ein Kreuz gespendet. Viele lebten in diesen Tagen in einem Taumel, und konnte sich an den gegenseitigen Verbrüderungsversicherungen nicht genug tun. Man besuchte gegenseitig die Gotteshäuser, wetteiferte im Spenden für dieselben und die politischen Körperschaften nahmen unter Jubel mit offenen Armen die vor kurzem noch verhassten Juden auf. Sowohl Polen als auch Juden spendeten riesige Geldsummen für die Armen ohne Unterschied der Konfession. Die Frauen der aufgeklärten Juden trugen, gleich den polnischen Damen Trauer um die am 27. Februar Gefallenen. J a man ging noch wreiter. Im, ,Kuryer Warszawski" proponierte man, dass die Juden ihre „deutschen" Namen polonisieren, ihre Tracht und den Jargon abscliaffensollen,umdienoch besteh endenUnterschiede so rasch als möglich auszumerzen, ,,denn wir sind Kinder einer Mutter" heisst es daselbst, (schiuss folgt.) w) Abgedruckt in: Materyaiy do historyi povstania z r. 1863—64, Bd. I, S. 8—11. ") Der Brief (datiert am 9. Cheschwan 5662) ist in polnischer Sprache in ,,K\vartalnik poswipcony batlaniu przeszlosci Zyduw w Polsce", Jg. 1912, Heft I, in den Miscellanea, S. 115, abgedruckt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.