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Ost und West · 1913-06-01 · Heft 6 (Juni 1913) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 6 (Juni 1913)
Date
1913-06-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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£ OSFÄesr: ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 6. Juni ms. XIII. Jahr*. DIE MODERNE JUEDIN. Von Arthur Silber gleit. Von einem geheimnisvollen Zauberschein war seit jeher die Jüdin umflossen, und es mutet in der Tat wie ein Märchen an, dass ihre erlesene und fesselnde Erscheinung gleichsam als letzte verkörperte Sage des Altertums noch heute, im bunten Reigen unserer Tage, aufglänzt Diesem lebendigen Wunder der Weltgeschichte hätten naturgemäss von den Anbetern und Priestern alles Erlauchten und Bedeutungsvollen, den Dichtern, zahllose Huldigungen dargebracht werden müssen, um so erstaunlicher bleibt die Tatsache, dass die Jüdin aus den Schatzkammern glänzender Lrzählungen, lieblich leuchtender Legenden und bildersatter Strophen ziemlich selten reichen dichterischen Schmuck empfing Dennoch wetteiferte ihr Ruhmesdiadem mit den Lichtkronen, die das edle Haupt der Griechin oder die stolze Stirn der Tochter Roms verklärten und mit den schlichten Strahlenbändern, welche die Locken der Frauen der deutschen Sage und das blonde Haar von Fausts Gretchen umwanden Weihte man Judas Kinde auch keine leblosen Bildsäulen, in der stets lebendigen und stillen Verehrung ihres Volkes fand die Jüdin den wertvollsten Ersatz für starre Denkmäler, und diese seelische Erhebung galt ihr mehr als mancher Marmorsockel und erschien ihr dauerhafter und weniger den Stürmen der Zeit preisgegeben als jene starren Steinbilder in oft fühlloser Umgebung. Der magische Reiz von Suleikas verschleierter Schönheit verblasst vor der Jüdin hüllenlosem Antlitz, dieser scheinbar glatten Tafel mit der geheimen Schmerzen sin schrift von Jahrhunderten, und der Vestalinnen Opferfeuer züngelte nicht zu jener Andachtshöhe empor, bis zu der die Jüdin ihre Herzensflamme zu Jehova aufsteigen Hess. Wie innig und werbend klingt die Sprache der Frömmigkeit und Anmut aus dem Munde Ruths, der demütigen Aehrenleserin, der sich die Cyanen als verzauberte Himmelsschwestern selig zuneigen, wie stark und hoheitsvoll ist die Gebärde der Deborah, wie jauchzend gellt uns ihr Siegeslied noch heute ins Ohr, und wie seraphisch sanft klingen dagegen die Wiegenlieder jüdischer Mütter aus den Gittern des Ghettos, traumhaft glücklich und doch leidensbange; welche Andacht bebte aus dem Treuschwur jüdischer Bräute, und welche Unerschütterlichkeit des einmal geschlossenen Lebensbundes bekundete der erschütternde Aufschrei mancher jüdischen Gattin an der Bahre ihres Daseinsgefährten. Es ist, als hätte die Jüdin eine weichere, biegsamere Seele besessen als ihre andersgläubigen Geschlechtsgenossinnen, als hätte sie sich in ihrem äusseren und inneren Leben deutlich von diesen unterschieden. Bestehen diese Unterschiede noch heut, — und wie kommen sie nunmehr, da morgen- und abendländisches Wesen immer stärker und doch fast unmerkbar leise ineinander fliessen, zum Ausdruck, fragt Else Croner in ihrem . Buch: „Die moderne Jüdin", das uns über die allmähliche Verdunkelung unseres Verschmelzungsbewusstseins durch die scharfe Hervorhebung der feinsten Licht- und Schattenreize und Sondermerkmale im Wesensbilde der modernen Jüdin aufklärt. Es leuchtet ein, dass die Verfasserin, um zu seelischen Einzelergebnissen zu gelangen, die Fülle aller Mächte in Betracht ziehen musste, die auf die Formung und Durchbildung jener Besonderheiten irgend einen Einfluss gewonnen hatten. Sie war daher gezwungen, den Boden zu untersuchen, in dem sich die Wurzel jüdischer Eigenart scharnhaft verbarg und von-dem aus sie sich heimlich auszweigte und zahlreiche Lebensboten zum Licht emporsandte. Es galt demnach, hier die Keimkraft, Tragfähigkeit und Stärke, sodann die Wärme- und Kälteverhältnisse dieser

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