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Ost und West · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 383 - 384

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Article
Die Rothschilds
Date
1913-05-01
Page
Seite 383 - 384 (sequence 1)
Language
German
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383 3S4 DIE ROTHSCHILDS. Voll Arthur Silbergleit. In der alten, giebelreichen Judengasse zu Frankfurt am Main steht ein seit vielen Jahren menschenverwaistes, ganz einfaches Haus, dessen stumme Beredsamkeit jedem andächtigen Lauscher die Geschichte einer weltberühmten Familie erzählen könnte. Wenn sich die Abendsonne einen strahlenden Freiheitsweg durch das dunkle Gehege jahrhundertelanger Knechtung, das Ghetto, bahnt, scheint sie diesem Hause und seinem Wahrzeichen, einem roten Schilde, mit besonderer Freundlichkeit zuzuwinken. Sucht sie vielleicht in seinen Fenstern noch eine Spur des 1 ängst versch ollenen Sch immers, der hier einst beiden heimeligen Sabbatfeiern und beim Lampen feste aus den engen Stuben des alten Mayer Amschel, des Begründers der rothschildschen Macht, in die Weite stach? Oder glüht in diesem Licht, dem stillen Ausläufer in nächtlich dunkle Fernen sinnbildhaft der heisse Drang des Geschlechtes nach dem Unbekannten, der noch zu erobernden Fremde und nach Ausdehnung auf? Zuweilen stülpt die Sonne auf das Haupt des Hauses mit dem roten Schild eine goldene Ruhmeskrone, als wollte sie mit diesem Lichtkranz auch die früheren Insassen des Heims, die Rothschilds, das Geschlecht der jüdischen Fugger, ehren. War doch der Aufstieg dieser Familie zu Ansehen und Macht fast beispiellos. Denn in einem Zeitraum von annähernd hundert Jahren vermochten die Söhne Amschels, der als Vermittler von kleinen Geschäften gerade sein Auskommen im alten Ghetto fand, Millionen, seine Enkel aber bereits Milliarden zu erwerben. Wer freilich dem greisen Mayer Amschel die geradezu märchenhaft rasche und glanzvolle Entwicklung der Seinen prophezeit hätte, der wäre gewiss zuerst einem ungläubigen und wehmütigen Lächeln in den feingeschnittenen Zügen des Angeredeten begegnet. Und doch sollte die Vorsehung bald ihm selbst, der ursprünglich ein bescheidener Schriftgelehrter werden wollte, den Zutritt zu den stolzesten Gesellschaftsklassen verschaffen. Amschel zeichnete sich nämlich durch eine gründliche Münzenkenntnis aus, und als man den General von Etorff, einen bekannten Sammler Das Haus Maier Amschel Rothschilds in der Judengasse zu Frankfurt a. M. seltener Stücke, auf diese Eigenschaft des Alten hinwies, lud er ihn wiederholt in seinen Palast, um sich seines Rates zu bedienen. Hier lernte Rothschild seinen in der Folge einflussreichsten Förderer, den Erbprinzen Wilhelm von Hessen, kennen. Dieser sah sich gerade beim Schachspiel von seinem fürstlichen Freunde heftig bedrängt. Da erblickte er plötzlich den im Hintergründe demütig verharrenden jüdischen Handelsmann; er wandte sich daher an Amschel mit der Bitte um Rat. Dank einer blitzartigen Eingebung Rotschilds gewann der Erbprinz das von ihm schon verloren gewähnte Spiel, und jener sieghafte Schachzug leitete den dauernden Triumph des rothschildschen Geistes und Glückes auch ausserhalb der vierundsechzig Schwarz weiss leider ein. Denn das Vertrauen, das der Erbprinz somit zu dem. Scharfblick und zu der Umsicht des Alten gewann, veranlasste ihn auch, mit Amschel geschäftlich Fühlung zu nehmen. Als einer der' begütertsten Fürsten des Festlandes unterhielt er besonders zu England Handelsbeziehungen; er übertrug daher die Reglung seines, umfangreichen Wechsel Verkehrs mit den Briten Mayer Amschel. Und bald sah sich der gewandte, erfolgreiche Unterhändler von seinem Gönner vor seine erste grosse Aufgabe gestellt: er wurde mit der Vermittlung einer Million enanl ei h e an Dänemark betraut. Die stärkste Zuversicht zu der Redlichkeit seines Dieners aber bewies der nachmalige Kurfürst, als er kurz vor der Flucht vor seinem Todfeinde, dem grossen Korsen, Amschel den beträchtlichsten Teil seines Vermögens, 600 000 Pfund Sterling, zur Obhut überwies. Und Mayer Amschel beschirmte, nicht ohne sich persönlich einer grossen Gefahr auszusetzen diesen Schatz so getreu und er sorgte durch die Uebersendung der Goldbarren an Nathan, seinen dritten Sohn in England, so gewissenhaft und umsichtig für die Sicherung des kurfürstlichen Vermögens, class ihm sein dankerglühter, hoher Freund nach seiner Heimkehr ins Land durch ungewöhnlich warme Empfehlungsbriefe an alle Fürstenhöfe Europas den nicht immer dornenlosen Weg zu seinen ferneren geschäft-

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