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Ost und West · 1913-04-01 · Heft 4 (April 1913) · p. Seite 307 - 308

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 4 (April 1913)
Article
Noemi und der Ritter
Date
1913-04-01
Page
Seite 307 - 308 (sequence 2)
Language
German
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307 Thekla Skorra: Noemi und der Ritter. 308 wahrgemacht: ist sein Töchterlein, — als sie den ersten Schrei ausstiess, tat ihre Mutter den letzten, — Noemi, unter Muhme Gitteles» Aufsicht herangeblüht; dunkel und wohlgebaut wie ihr Vater und von Träumen erfüllt gleich ihm. Wie könnte man es auch aushalten in dieser dumpfen Ghettogasse, wenn man nicht Träume hätte! Die andern hatten ihren Erwerb und freuten sich jeden Silberlings, den der Tag zu den gesparten erübrigte. Noemi aber sass droben in ihrer Giebelkammer und schaute durch die kleinen, bleigefassten Fenster zu dem Stück Himmelsblau auf, das überhängende Dachfirsten, und hinter der verbröckelnden Ghettomauer, die graue Wand des Burgberges ihr frei Hessen. An ihrem hölzernen Webegestell sass sie da und stickte tagaus, tagein mit goldenen Fäden um den Stern Davids herum, immer die gleichen Buchstaben, dieselben zehn Gebote auf Sammet- oder Tuchflicken, aus denen Muhme Gitteles dann drunten die Tifillimbcutel nähte. Die einzige, die ab und zu die morsche Holzstiege hinauf ihr Gesellschaft zu leisten kommt, ist Esther Feigenbaum. Grösser und üppiger, lebenstüchtiger als die zarte Noemi, hat Esther, die Tochter des Gewürzkrämers, daheim wenig Zeit zum Träumen. Hinter dem Ladentisch abwiegend und feilschend, hat sie von Kindheit an Menschen in Aengsten und Freuden kommen und gehen sehen, allen Klatsch der Gasse herzutragen hören. Ja, Esther Feigenbaum kannte das Leben trotz ihrer achtzehn Jahre. Und nur droben bei Noemi vergass sie all ihre Erfahrung und war jung und glücksüchtig gleich jener. Dann horchten sie auf den Trommelschlag, der fernher von der Landstrasse jenseits der Christenstadt herauftönte. Von festen Marschtritten ziehender Reisiger drang ein letzter Schall hier herauf; ein paar windverwehte Töne der Querpfeifer, lockend und sehnsüchtig wie Vogelrufe. Dann fassten die Mädchen sich bei den Händen und traten hinaus auf die enge hölzerne Dachaltane, wo seitwärts zwischen Mauertürmen eine Luke den kargen Durchblick auf den Schimmel oder Braunen eines fernen Reiters frei liess. # * * Heute aber zog es mit den Tönen wie Veilchenduft vom frühlinggrünen Stadtanger herüber, dass Noemi es nicht ertrug, mit den anderen Mädchen an diesem Sabbatmorgen in der Gasse herumzustehn, den zur Bctschule eilenden Männern nachsehend, indes Frauen in gestickten Scheitelhaubcn Neuigkeiten von Haustür zu Haustür trugen. Für das Sabbatmahl hat Muhme Gitteles, wie alle anderen, bereits am Freitag gesorgt, dass die Kammervogtin es nur aus dem Backofen des Stadtbäcken holen brauchte; die Kammervogtin, die auf Grund ehemaliger öffentlicher Brandmarkung verdammet worden, des Heiligen Römischen Reiches Kammerknechten, den Juden, gegen Bezahlung an den hohen Rat, zu dienen. — Noemi überredete ihre Freundin, mit ihr weiter bis ans Ende der Gasse zu gehen, wo an der Mauer ein schmaler Steg der Christenstadt zuführte. Musste man nicht ersticken in den brenzlichen Gerüchen, die den schmalen Fensteröffnungen entströmten? Durfte ja kein Baum, keine Blume gepflanzt werden im Ghetto. Hätten's ohnehin nicht getan, die Juden: Wurzellose, denen es selbst kaum Raum zum Gehen und Stehen bot. Zwischen den Steinen der Mauer nur drängten sich droben in hastiger Selbstherrlichkeit allerlei Gräser und wilde Blumen, gelbe und blaue Frühlingsaugen, des Verbots nicht achtend, hervor. An diesem Fleckchen gestohlenen Frühlings saugten Noemis Augen sich fest; trank ihr sehnsüchtiges Mädchenherz den Veilchenduft, der eben so unerlaubt über die Mauer wehte, durstig ein. Esther Feigenbaum war eigentlich der Geruch der Gewürznelken in ihrem Kramladen, und selbst der der Oele und Dörrfische ebenso lieb. Was Noemi nur immer hatte! Auf der Gasse war's wahrlich kurzweiliger, als auf diesem öden Mauersteg. Jetzt zumal, wo des reichen Ben Jüdels Sohn aus Babenberg unter kaiserlichem Geleitschutz beim Gemeindevorsteher abgestiegen war. Noemi aber drängte weiter und weiter, bis an die kleine versteckte Mauerpforte, durch die hindurch nur an bestimmten Tagen, den Juden verstattet war, ihre Wäsche auf den Stadtanger zu tragen. An Sabbaten aber ersparte sich der Wächter die Mühe des Schliessens. Verbot doch dann ihre Religion den Juden ohnehin, die Sabbatgrenze zu überschreiten. Entsetzt wich Esther Feigenbaum zurück, als Noemis schmale Kinderhand jetzt sich an dem schweren Eisenklöppel der Tür mühte, als wolle sie ins Freie treten. „Noemi, um Gott, hast du nicht bedacht, dass heute ist Sabbat?" An den Falten des Gewandes aus tiefdunklem Violett, — einer Farbe, sehnsüchtig wie deren Seele, — versucht Esther die Freundin zurückzuziehen: ,,Gott wird dich strafen." Noemi aber schüttelt, schon draussen, den braunlockigen Kopf: „Ich meine, unser Gott ist derselbe hier draussen! und mir ist, ich fühle ihn näher unter seinem blauen Himmel, als drinnen im Gezänk der GassV Von Vielen wohl wusste Esther, die im Dunkel, auf heimlichen Geschäftswegen durch diese Pforte die Mauer entlang bis in die Christenstadt sich geschlichen: um des Erwerbs willen taten die's, wussten, wessen sie gewärtig, wenn man sie ertappte. Dass aber eine Törin um nichts, rein aus Uebermut, wie Noemi jetzt, sich in Gefahr begab: das erschien ihrem praktischen Sinn völlig unbegreiflich. Schnell wandte sie sich drum zur Rückkehr, überzeugt, dass jene ihr sehr bald nachkommen würde. Die aber wandelte, als hätte ein Taumel von Frühlingslicht und Luft sie ergriffen, ein Schmetterling, der ziellos, flügelfroh in der Sonne gaukelt, weiter und weiter dahin. Gar nicht zurück dachte sie. Auf der Landstrasse drüben, wo die Bäume noch kahl, ihre Aeste mit den saftgeschwängerten Frühlingsknospen, gleich segenflehenden Priesterhänden in die Luft spreizten, blitzen Rüstungen in dieser Frühsonne auf: ein Trupp Reiter, der in die Stadt zog.

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