Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Zu den Bildern von Regina Mundlak
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 291 - 292 (sequence 2)
- Language
- German
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291 Karl Bayer: Zu den Bildern von Regina Mundlak. 292 weisen, die in dem Munde von über acht Millionen Menschen fortleben, geben beredten Ausdruck von den Gedankengängen unserer östlichen Brüder. Wie Illustrationen zu diesen Gesängen wirken die Bilder Regina Mimdlaks; das Volk, das diese Lieder singt, führt uns "die Künstlerin vor Augen. Da sitzt der Alte und lehrt den Knaben aus dem Buche des Wissens. Beide sind versunken in die Worte der Schrift, aufmerksam folgen die Blicke des Knaben dem weisenden Finger des Lehrers. Das Lernen" — es bildet die beseligende, erhebende Tätigkeit dieser Leute. Da vergessen sie all das Elend und fühlen sich gross und stark. Hier sammeln sie die Kräfte und den Mut zum Dasein; Weihestunden der Andacht geben ihnen diese Folianten, mit denen sie von Jugend an vertraut wie mit einem guten Freunde verkehren. * Die Alten lehren es die Jungen, die Jungen lernen in der Art der Alten — und so pflanzt sich dieses traditionelle Band fort von Generation zu Generation. Das Jüngele aus dem Glieder, das kleine zerlumpte Menschenkind mit den klugen dunklen Augen, den sprossenden Pajes und dem Käppchen auf dem Kopf belebt in den wenigen Mussestunden die Gassen, hilft dem Vater bei Handlangungen und Botengängen, treibt sich noch unbekümmert mit den anderen Buben herum und pfeift sein Liedl mit in die tiefen Hosentaschen gestemmten Händen. Der heranwachsende Knabe setzt sich schon selbst zu Hause hin, nimmt das Buch vor und lernt mit gestütztem Haupt — genau wie die Alten. Das Schwesterchen wird mit dem Korbe ausgesandt, um Kleinigkeiten beim Krämer zu besorgen. Eingehüllt in ein Kopftuch schleicht das blasse Kind durch die Gassen — genau wie die Alten macht sie ein ernstes Gesicht, wie die Alten, die mit schweren Körben beladen am Markte hocken und ihre spärliche Ware zum Kaufe anbieten. Und der Vater sitzt in der Werkstatt, in einem kahlen kalten Raum, der nur schwach durch ein kleines Fenster erleuchtet wird. Eifrig rühren sich seine Hände, sorgengebeugt hockt er auf dem Schemel und erarbeitet sich mühsam die wenigen Kopeken, die kaum für die Bedürfnisse der hungernden Magen ausreichen. Und einige Extrakopeken müssen noch für den Schabbes da sein, für Lichter am Freitagabend und womöglich für einen Fisch. Das einzige Luxusmöbel des Hauses ist der Samowar, der ewig brodelnde Teekessel. Dieses russische Nationalgetränk haben sich auch die Juden zu eigen gemacht. Der wärmende Tee muss alles ersetzen, ist die Hauptnahrung, die den hungernden Magen betrügt und den frierenden Körper erwärmt. — All die Melodien fallen mir wieder ein, wenn ich diese Bilder betrachte, vom Lehrer mit den Kinderlein in der heissen Stube, von dem kaltbrausenden Wind, von dem Juden mit dem „Päckele" und wie sie alle heissen diese Perlen der Volkskunst, diese Seufzer aus dem Osten. All diese Gestalten werden vor mir lebendig, ich sehe sie im Geiste vor mir und fühle mich eins mit ihnen, mit diesen Brüdern aus der anderen Welt, zu denen noch nicht der Strahl der wärmenden Sonne gedrungen ist und die geduldig ihr Päckele tragen im Vertrauen auf Gott, in wahrhaft frommem Glauben, dem Tröste ihrer düsteren Tage. DIE EMANZIPATION DER JUDEN IN PREUSSEN. Von Felix Halle. (Schluss.) Die preussischen Juden unter Friedrich dem Grossen waren schon im Lande geboren und fühlten sich zu ihm gehörig. Eine Gesetzgebung, die sie als Fremde behandelte, musste ihnen als ungerecht erscheinen. Trotz des Druckes, der auf ihnen lastete — vielleicht infolge desselben, infolge der Notwendigkeit, durch Anspannung aller Kräfte auf den ihnen gebliebenen Erwerbsgebieten den Anforderungen gerecht zu werden, die der Staat an sie stellte, hatten es nicht wenige von ihnen zu Wohlstand, ja zu Reichtum gebracht. Sie stellten, wie Mirabeau in seinem Werk über den Preussischen Staat wohl mit einiger Uebertreibung berichtet, die einzigen Kau Heute und Fabrikanten grossen Stils. Es gab unter ihnen Millionäre in einflussreicher, bevorzugter Stellung. Ihr Selbstbewusstsein war errtarkt, ihr Ehrgefühl empfindlicher geworden. Unter dem Einfluss Mendelsohns hatte allgemeine Bildung unter den Juden Eingang gefunden. Jüdische Salons bildeten in der Hauptstadt den Mittelpunkt geistigen Lebens und einen Anziehungspunkt für die vornehme christliche Welt. Jüdische Gelehrte von Ruf waren erstanden: Männer wie Dr. Markus Herz, Salomon Maimon und Lazarus'Bendavid, die Schildträger Kantscher Philosophie, allen voran Moses Mendelsohn. Hinzu kam, dass nicht nur im europäischen Auslande eine Besserstellung der Juden stattgefunden hatte; schon hatten auch in Preussen sich unter den Christen Männer gefunden, welche sich mit flammenden Worten für die Juden einsetzten und auch für sie Menschenrechte forderten. Dohm hatte im Jahre 1781 seine Schrift über die bürgerliche Verbesserung der Juden erscheinen lassen, in der er vom Standpunkte des Staates nicht minder, wie im Interesse der Juden für diese gleiche Rechte und Pflichten mit den übrigen Untertanen forderte. Männer wie D i e t z, der spätere preussische Gesandte am türkischen Hofe, und der Geschichtsschreiber Johannes von Müller hatten in den Ruf Dohms eingestimmt. L e s s i n g hatte seine weithin hallende Stimme für die Juden erhoben und mit der starken Resonanz der Bühne in gleicher Weise zu den Herzen wie zum Verstände gesprochen. Dies alles hatte zusammengewirkt, um für die Juden eine vollständige Reform ihrer Verhältnisse zu einer gebieterischen, unabweisbaren Forderung zu