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Ost und West · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. Seite 225 - 226

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Article
Jahrzeit
Date
1913-03-01
Page
Seite 225 - 226 (sequence 2)
Language
German
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225 Marie .Riesenfeld: Jahrzeit. 226 Wurzeln über und drängt sich so in neuer Gestalt dem quellenden Lichte entgegen? Und wenn die Werdekraft des Schöpfers jedwedem Körper hundertfältig Leben zu geben vermag und kein Atom der Vernichtung preisgibt, wie sollte sie dann die Fackel, die in uns leuchtet, verlöschen!--Vielleicht unischwebt mich deine Seele wie ein leiser, schwermütiger Hauch, nur dass meine Sinne zu tief in der Frohne des Tages stehen und den Hauch der Ewigkeit nicht zu erfassen vermögen.-------— — Es war heut Nacht, um mich schlief Alles, da drangen von dem Jahrzeitlämpchen, das wir für dich im Nebenraum angezündet, lange, schimmernde Strahlenbänder an mein Lager. Sie strömten in mein Herz und machten es weit und ruhig, bis alles Sehnen darin still war. Das Flämmchen winkte und grüsste, wie ein freundliches Licht vom jenseitigen Ufer. Da warst du um mich und ich konnte dir sagen, wie deine warme, schöne Güte mir den Blick offen und das Herz frei gemacht für die Erde und den Sternenhimmel. Und ich sprach dir von den weichen, reinen Blumen, die auch für mich blühten, und von den schwarzen Abgründen, über die ich hinweg musste. Ob mir der Tag Blüten streute, ob er mir Tränen brachte, dein zartes Erfassen hatte mich gelehrt, aufwärts zum Lichte zu sehen. Eine Feierstunde ging über mich, die den Staub des Tages mit allem Geschehen fortspülte, aus fernen Zeiten dufteten die weissen Rosen der Vergangenheit. YYie im Traum stand ich auf und strich mit den Händen kosend über Gegenstände, die deine schmale blasse Hand einst berührt hatte. An das Fenster ging ich. Da lag im Mondenglanz das Land wie ein weisses, schimmerndes Feenreich in Träume eingesponnen. So leise und klar war die Nacht in ihrem weichen Schneemantel! Wie verzaubert sahen die grossen Bäume unter ihren weissen flimmernden Behängen in die Höhe, von wo die Himmelsaugen gleich Jahrzeitlichtern für reine Seelen leuchteten. Da falteten sich meine Hände und auf meine Lippen drängte sich ein heisses Gebet. Draussen, nahe an der Friedhofsmauer, saust ein Zug vorbei und hält. An das Eiland der Stillen, Friedvollen schlagen die Wellen des breiten Lebensstromes. Ein schriller Pfiff, wie ein gellender Lebensaufschrei, und weiter geht der Zug mit seiner Last von Abschiedsweh und Tränen, von Menschenhoffen und Menschen!eicl. Nur der Wind nimmt die Feuchtigv keit der Tränen in seine Fänge und senkt sie auf die Hügel derer, die nicht mehr weinen und nicht mehr hoffen.--- Und von drüben guckt das neugierige Leben aus den Fenstern eines grossen, alten Hauses in das Reich der Rätsel. Blonde krause Kinderköpfchen drücken ihre lach enden Augen an die Scheiben und verwehte Töne von dem Alltagstreiben zittern hinüber in die Einsamkeit. — Da weiss ich, warum ich hier den Zusammenhang mit dir nicht finden kann, Mutter!-- Ich blicke auf meine Schwestern, die mit mir um das Grab stehen, eine legt ein Zweiglein Lebensbaum, die andere ein Epheublättchen in ihren „ Jiskor". Stumm gehen wir durch enge verschlungene Wege, und ferne Tage, durch die wie leise verklingende Traumglocken die Kindheit zieht, wandern mit. — Von euch, die ihr hier ruht, Vater, Grosseltern, war das helle goldige Licht ausgegangen, das unsere Jugendtage zauberisch umfloss. von euch die Wärme, die sich schützend um die Regungen der jungen Seelen legte. — Und noch manchen suchen wir, der mit uns Hand in Hand, in treuem Verstehen eine kurze Wegstrecke gegangen ist. ■— So rinnt Welle auf Welle de:u grossen Ewigkeitsstrome zu. — Wieder gellt ein Pfiff — — — und draussen. an der Friedhofspforte harrt — der Alltag. RESTE ALTHEBRAEISCHER MUSIK. Von Abraham Ze wi Idelsöhn-Jerusalem. 11.*) Xachdem -wir im Vorausgegangenen den Gesang der echtorientalisclien Juden erläutert haben, führen wir nun Beispiele von Weisen und Motiven an, die bei den Gruppen -durchgehend" d. h. in dem traditionellen Gesänge der verschiedensten jüdischen Gruppen zu finden sind, um auf Grund ihrer Identität diese als Unveisen und Urinotive, die dem ganzen jüdischen Volke eigen sind und die das Volk trotz seiner zweitausendjährigen Zerstreuung nicht vergessen hat demnach als Reste alt hebräisch er Musik zu bezeichnen. In der Nr. 1 der „durchgehenden Weisen" bringen wir l'roben der persischen Hohelied-weise, der jemenitischen Tefillaweise, der babylonischen Tefillaweise und vergleichen diese mit der sefardischen Tefillaweise für die hohen Feste; der polnischen Tefillaweise für Sabbat, dem polnischen Adonoj-Moloch-Steiger, der babylonischen Tefillaweise für Heft 1 ') Die Noten-Beispiele hierzu siehe „Ost und West"' Jahrg. XII, Sabbat und der jemenitischen Tefillaweise für die Werktage. Die Weisen 1—4 sind offenbar ein und dasselbe, ebenso sind die letzten zwei Weisen 7 und S einander gleich, dagegen hat man bei den zwei polnischen Weisen 5 und 6 das Gefühl, als seien sie eine Verschmelzung der Weisengattung 1—4 mit derjenigen der Nr. 7 und 8, denn es sind darin sowohl Tonzeichen als auch Tonfiguren der beiden Gattungen zu finden und der Schluss ist derselbe wie in Weisengattung 7 und S. Die Weisen 1—4 haben eine Tonleiter aus den Tönen A, B, C, D, Es, F, G, As, also die Stufenfolge . y2 i i y2 i i y2 1 —2—3—4—5—6—7—8, die Weisen Nr. 7 und 8 die Töne F, G, A, B, C. Diese Tonreihen sind ja miteinander verwandt und in der arabischen Musik ebenfalls vertreten, die erstere in der Weise (Maqam) ,.lraq" resp. „Siga", die zweite in der Weise „Taher", welche Weisen im Orient sehr verbreitet sind. Ich muss hier darauf

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