Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. Seite 223 - 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Article
Geld und Gott
Date
1913-03-01
Page
Seite 223 - 224 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584033-2584037-2604340--14298-2604416
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

223 Binjaiiiiii Segel: Geld und Gott, 224 und zu empfinden gänzlich abgeht. Dass wir das „unfrömmste", irreligiöseste Volk von der Welt sind, kaum ein Minimum von Religion haben, ist noch das Mildeste, das uns nachgesagt worden ist. Sombart will nicht entscheiden, inwiefern das gerecht sei, aber eins weiss er sicher: wir sind das gottesfluchtigste Volk, das jemals auf Erden gewandelt ist, das Wort ,,gottesfürchtigcf in gröbster und niedrigster Bedeutung genommen. ,,In zitternder Angst haben sie immer gelebt, in zitternder Angst vor Gottes Zorn.' „Welch ein Gott aber auch, was für ein schreckhaftes» grauenerregendes Wesen, dass so fluchen kann, dieser Jaweh." Und natürlich ,,kennt die jüdische Religion nicht den Zustand des Rausches, in dem sich de^ Gläubige mit der Gottheit vereint, also den Zustand, den alle anderen Religionen als den höchsten und heiligsten preisen". Natürlich ist das alles nicht etwa Eigengewächs des Prof. Sombart, sondern ist in allen Büchern protestanitscher Theologen über die jüdische Religion zu finden. Nun, jeder Jude weiss, dass das Wort „jirah" gar nicht Furcht, sondern Ehrfurcht bedeutet, und jeder weiss auch, class es als eine niedere, als eine Vorstufe bezeichnet wird, Gott aus blosser Ehrfurcht zu dienen, die höhere Stufe, die der Vollen dung, ist, Gott aus reiner Liebe zu gehorchen und zu dienen. Verwunderlich ist es nur, dass dieselben Herren Gelehrten dabei den Aerger vergessen, der sie jedesmal beschleicht, wenn sie von der talmudischen Interpretation des Hohenliedes reden. Der verstorbene Professor Kautzsch sagte, mit jenem feinen Takt, der grosse Gelehrte allezeit auszuzeichnen pflegt, wenn sie von jüdischen Männern reden, Rabbi Akiba ,,habe den Mund so voll genommen'*', indem er diese süssen und feurigen (aber damals nicht mehr verständlichen) Liebeslieder als Wechselredon zwischen Gott und der Gemeinde Israel deutele. Wie kann man mit einem, vor dem man knechtisch in den Staub sinkt, vor dem man in zitternder Angst erstirbt, Liebeslieder wechseln? Und nun erinnere man sich des Passus aus dem täglichen Morgengebete: „Mit ewiger Liebe, mit grosser Liebe liebst du uns, Ewiger, unser Gott, ein grosses, überströmendes Erbarmen hast du für uns, unser König und Vater, um unserer Väter willen, die dir vertrauten, und du lehrtest sie die Gesetze des Lebens; so mögest du auch uns gnädig sein und uns lehren. Vater unser, harmherziger, gib uns ein zu begreifen und zu ersinnen, zu gehorchen, zu lernen und zu lehren, zu behüten, zu befolgen und aufrecht zu erhalten deine ganze Lehre in Liebe. Und erleuchte unsere Augen durch deine Lehre, und lass unser Herz deinen Geboten anhangen und richte es einzig auf die Liebe und die Ehrfurcht vor dir, damit wir in alle Ewigkeit nicht beschämt werden. Denn deinem grossen, heiligen und erhabenen Namen vertrauen wir, wir jubeln und freuen uns deiner Hilfe." (Es ist bezeichnend, dass die Kommentatoren zu dem Worte ,,in Liebe" bemerken: „nicht etwa um Lohn zu empfangen oder Ehren zu erringen".) Dann noch der Passus aus dem Abendgebet: „Mit ewiger Liebe liebst du das Haus Israel, Lehre und Gebote, Gesetze und Rechte hast du uns gelehrt; darum, Ewiger, unser Gott, wollen wir über deine Gesetze sinnen, wenn wir uns hinlegen und wenn wir aufstehen, und uns erfreuen an den Worten deiner Lehre und an deinen Geboten in alle Ewigkeit, denn sie sind unser Leben und der Inhalt unserer Tage; von ihnen wollen wir träumen Tag und Nacht; und du wirst deine Liebe nicht von uns wenden ewiglich."' Wenn nun ein Jude, der mit diesen Gebeten von Kindheit auf vertraut ist, in einem so fürchterlich gelehrten Buche, wie die „Alttestam. Religionsgeschichte", von einem so fürchterlich gelehrten Herrn, wie Prof. R. Smcncl, plötzlich auf folgendes Sätzlein stösst: „Für das Judentum ist der Gedanke an der Liebe Jahwes von .untergeordneter Bedeutung, er hat in ihm eigentlich gar keinen Platz, noch viel weniger die Liehe Israels zu Jahweh" — so fragt er sich, ob der Herr Professor bei klaren Sinnen ist, oder aber, ob er auch nur ein Fünkchen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit besitzt. Der Herr Prof. Smend aber ist ein Typus. . folgt.) Vor deinem Grabe stehe ich und starre so lange auf den grauen Marmorstein, bis sein feines Geäder zu wirren Netzen zusammenläuft, bis die Goldbuchstaben im Flimmertanz auf- und niederschwingen. „Gestorben im 54. Lebensjahre" — die Zeile rückt flirrend nach oben, nach unten, nach rechts und links, überall sieht sie mein Auge, ohne dass mir der Sinn der Worte schmerzend ins Bewusstsein dringt. Ich kam zu dir auf den Friedhof der alten Heimatstadt, der Stadt, in der Häuser und Menschen mir fremd geworden sind, wo mich die lieben, vertrauten Namen nur aus den stummen Reihen der stillen Schläfer draussen grossen. Und hier suche ich dich, hier wollen meine Augen JAHRZEIT. Skizze von ALtrio Riese nfeld. die dichten grünen Epheublätler unter der weissen Schneedecke durchdringen und dich finden; meine Seele will zu deiner Seele sprechen. ..Mutter, dein Kind steht vor dir" — bete ich. und leer, wesenlos kommen die Worte. Ich aber klammere mich an sie fest, will ihren Sinn erschöpfen, und wieder und wieder formen meine Lippen: ,,Mutter, dein Kind steht vor dir." — Kein Erschauern sagt mir, dass ein Hauch deines Wesens mir nahe ist, so nahe, dass ich mich mit dir eins fühlen, mein ganzes Sein in dich überfliessen kann. — Tiefgrün und hoch ragt vor dem Stein der Lebensbaum auf. Strömte, was an dir sterblich war, in seine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.