Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Hyndie
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 177 - 178 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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177 Die Israeliten in Marokko. 178 Hyndie. Hindye oder Tueridj liegt 18 Kilometer südöstlich von Kerbela, der heiligen Stadt der Schiiten und 95 Kilometer von Bagdad entlernt am Ufer des Euphrat in einer ausserordentlich fruchtbaren Ebene. Die Trockenlegung des alten Arms des Euphrat hat eine grosse Anzahl von Bauern in diese Gegend geführt, in der der Anbau von Reis, Korn, Gerste, Sesam, Baumwolle und Hirse ungemein lohnend geworden ist. Die von der Regierung geplanten Bewässerungen werden die gegenwärtigen Ernteerträge noch bedeutend erhöhen. Ausserdem liegt Hindye an der geplanten Eisenbahn, die über Kerbela, i\edjef und Nasrye die Städte Bagdad und Bassorah verbinden soll. Die Stadt befindet sich bereits in vollständiger Umwälzung; überall herrscht eine fieberhafte Tätigkeit, man baut an allen Enden und die Bodenpreise steigen von einem Tage zum anderen. Unter den 4000 Einwohnern der Stadt befinden sich über 300 Israeliten, die als Spezerei- oder Weisswarenhändler, als Maultiertreiber oder Bezzaz — Verkäufer von Stoffen — sich anständig ernähren. Sie sind so ganz bedürfnislos, dass sie mit geringen Mitteln auskommen. Wenn jetzt hier eine Schule begründet würde, könnte die erste darin ausgebildete Generation grossen Nutzen aus dem Aufbiüben der Gegend ziehen. Auch hier habe ich keine Gemeindeorganisation and keine Fleischsteuer gefunden; die Synagoge ist im Verfall und hat keinerlei Einnahmen. Bei meiner Ankunft ist mir ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung entgegengekommen und hat mich gebeten, die Begründung der Schule möglichst zu beschleunigen. Auch hier habe ich erst auseinandersetzen müssen, dass Sie Ihre Unterstützung nur solchen Gemeinden zuwenden, die sich durch eigene Opferwilligkeit ihrer würdig zeigen. Mit einiger Mühe haben wir sofort den Grundzug einer Organisation festgestellt. Wir haben beschlossen, eine Fleischsteuer 'und persönliche Beiträge einzuführen. Die ganze Gemeinde verpflichtet sich," ein Schullokal zu erbauen und zu bezahlen, denn vorläufig ist noch keines vorhanden. Ein alter Mann, den man von den Beiträgen dispensieren wollte, ereiferte sich sehr darüber und fragte, warum man ihn denn verhindern wolle, sich an einem guten Werk zu beteiligen. ,,Wenn man jeden Tag ein paar Zigaretten weniger raucht, kann jeder zu dieser ,Mizwa' beitragen." Trotz allen guten Willens würde es der Gemeinde doch nicht möglich sein, das Schulbudget zu begleichen, wenn die Alliance ihr nicht ihren finanziellen Beistand zuwendet. EIN FREITAG AUF DEM JUEDISCHEN FRIEDHOF IN TETUAN. An einem freien Freitag Nachmittag beschloss i('h, zu meiner Zerstreuung einen Spaziergang in der Richtung des jüdischen Friedhofs zu .machen. Es war gegen zwei Uhr nachmittags und der Weg, der zum Friedhof führt, war von jüdischen Frauen belebt, die im Begriff standen, ihren Toten den gewohnten wöchentlichen Besuch abzustatten. Für diesen Besuch wird ein besonderes Festgewand angelegt. Der dazu gehörige Rock besteht aus einem Stück schwarzen Tuchs, das zweimal um den Körper der Frauen gewickelt werden kann und wird an der Taille von einem arabischen Gürtel festgehalten, der an beiden Endseiten mit Franzen besetzt ist. Der vordere 'feil des Rocks wird von einem kreisförmigen Stück scharlachroten, mit arabischen Streifen geschmückten Seidenstoffs bedeckt. Eine westenartig gearbeitete Taille/von schwarzem Tuch mit bis zum Ellbogen reichenden weiten Aermeln vervollständigt den Anzug, die Brust wird mit einem seh warzseidenen Tuch bedeckt. Das Haar ist so sorgfältig mit einem Stück Batist umwunden, dass auch, kerne einzige Haarsträhne zu erblicken ist. Ein in der Mitte geteiltes Gewebe aus schwarzen Seidenfäden bildet auf der Stirn aller, auch der ältesten Frauen einen hübschen schwarzen Scheitel. Darüber werden Seidentüchcr in verschiedenen bunten Farben in flacher Kegelfor.u arrangiert und ein riesiger weissei' Seidenshawl mit breiten Franzen wird über die ganze Gestalt, vom Kopf bis zu den FTissen, gezogen, so dass von dem ganzen Gesicht nur die Augen und ein Stückchen Nase zu sehen sind. Diese Frauen wandern gruppenweise dem Friedhof zu; manche mit trüben verweinten Gesichtern, andere in angeregte!' Unterhaltung über die Vorkommnisse des Tages. Von Neugier getrieben, da ich gern wissen wollte, was diese Frauen zwei Stunden hintereinander auf dem Friedhof treiben, bin ich ihnen dorthin gefolgt und habe den „Besuch bei den Toten" beobachtet. Das war jedenfalls kein unangenehmer Zeitvertreib, denn