Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Die liebe Provinz [Rezension]
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 167 - 168 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584036-2604211--14244-2604286- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IGT Literarische Rundschau. 16S Die liebe Provinz. Von S eh. G o r e 1 i k. Jüdischer Verlag, Berlin W. Zehn Erzählungen und Betrachtungen, die zum Teil in „Ost und West" bereits erschienen waren, sind in dem hübschen empfindsamen Buch enthalten. Die .Betrachtungen schildern Gefühle des Dichters, seine Liebe zur gemütlichen, jüdisch-russischen Kleinstadt „mit den einstöckigen Häusern und den baumbesetzten Gassen". Und Heimaterinnerungen aus den Kindertagen, die einzigen, die dein Gedächtnis geblieben, denn die übrigen sind ja doch nur Bilder einer ,,müden Jagd nach dem Phantom". Zwischen diesen persönlichen wehmütig-stillen Bekenntnissen finden wir skizz3nartige Zeichnungen von jungen, unglückseligen „Herbstmensehen", und zwei poetische Stimmungsbilder aus Tagen der Trauer und der Dürre. — Da ist der jüdische Sektierer „Asriel der Buchbinder", der, militärpflichtig, sich als Heizer und sonstwas in allen Ländern der schönen Gotteswelt umhertreibt, und zuletzt nach traurigen Schickungen in seiner Heimat unter Peitschenhieben sein Leben aushaucht. Da ist die Geschichte des gealterten unbrauchbaren Opernsängers vom Kaiserlichen Theater, der ganz heruntergekommen ist, der sich aber dennoch nicht von seinem Ringnut dem grossen Smaragden, den ihm die Galerie zu seinem Jubiläum geschenkt hat, trennen kann. Und ferner der langhaarige, schwarze Chiromant, der ein Mädchen entführt. Auch dürfen wir nicht „Die Zarte" vergessen, die liebevollen Herzens und einfältiger Natur sonderbarerweise keinen Mann lieben kann und darum den Tod sucht. —• Es sind feine, zumTeil merkwürdige Geschichten, die uns in einfremdes Milieu versetzen. Die Technik ist der Selma Lagerlöfs und Kiplings ähnlich. Von jener hat der Autor hie und da jene Hebe, sentimentale Melodie, die von greisen klugen Mütterchen zu stammen scheint, jene Melodie, welche die Vergangenheit mit weichen sehnsüchtigen Tönen ruft; und an den Engländer, den grössten Erzähler unserer Zeit, erinnert zuweilen jene geheime Stärke, die gern, scheinbar zufällig überrascht, die abenteuerliche,aber immer treffende Geste und die Selbstverständlichkeit des Daseins, die über nichts klagt und über nichts sich wundert. Das gelungenste Stück, mit durchgehaltener Kraft in Stil und Stoff, ist die bereits genannte Skizze „Der erloschene Stern". In dieser Art, glaube ich, liegt die beste Möglichkeit für die Weiterentwicklung des Künstlers Gorelik. Eben diese Erzählung zeigt, dass der Autor zu den wenigen spezifisch jüdischen Dichtern gezählt werden kann, die auch einem weiteren Kreis gefallen werden. A v n o X a cl e 1. DIE HEBRAEISCHE PRESSE IM JAHRE 1912. Von Josef L in-Berlin.1 Das verflossene Jahr brachte der hebräischen Presse keine Ueberraschungen: weder bahnbrechende Fortschritte noch empfindliche Enttäuschungen. Sie hat ihre Position im allgemeinen behaupten können — und das bedeutet auch schon einen gewissen Erfolg. Bedenkt man, dass die hebräische Presse noch immer fast ausschliesslich auf die ostjüdischen Kreise angewiesen ist, deren soziale Lage in Bussland infolge der ständig zunehmenden Judenverfolgungen und in Galizien durch die allgemeine Wirtschaftskrisis im letzten Jahre eine weitere Verschlechterung erfahren hat, so wird man diese Genügsamkeit wohl begreifen. Dabei ist besonders in Betracht zu ziehen, dass der moderne Hebraismus sich andauernd in einem Wettkampfe befindet mit den allgemein-europäischen Kultureinfliissen, die in steigendem Masse in die Ghettowelt eindringen. Alle Prozentnormen, „gesetzlichen" Beschränkungen, Senatserklärungen und administrativen Massnahmen vermögen das Bildungsstreben der russisch-jüdischen Jugend nicht zu unterbinden. Die geistigen Ghettoschranken stürzen zusammen und können durch keine Gewaltmittel mehr aufrecht erhalten A\ crden. Die junge Generation wirft sich mit offenen Armen in den breiten Strom der modernen Kultur, der sie mitunter weit, weithin fortreisst . . . Diesem Zuge der Zeit sucht der Hebraismus sich entgegenzustellen. Nicht als ob er bildungsfeindlich wäre. .Im Gegenteil. Durchaus modern, selbst ein Produkt neuzeitlicher Entwicklung, strebt er danach, die Errungenschaften des menschliehen Geistes seinem Kreise näherzubringen — nur will er allgemeine Kulturwerte in sich a u f n e h m e n , statt in i Ii n e n a u f z vi - gehe n. Er bildet einen Damm gegen Selbstentäusserung und Abtrünnigkeit, eine Stütze für die Erhaltung und Stärkung der jüdischen Kraft und Eigenerkenntnis. Es zeugt daher von den tiefen geschichtlichen und nationalen Wurzeln, die der Hebraismus im Judentum gefasst hat. wenn er aller Ungunst der inneren und äusseren Verhältnisse zu trotzen vermag. Und das hat auch das vergangene Jahr gezeigt. In diesem Jahre wurde ein Jubiläum der hebräischen Presse gefeiert: fünfzig Jahre sind verflossen seit der Begründung des verbreitetsten hebräischen Blattes, der in Warschau erscheinenden Tageszeitung „H a z e f i r a h". Zwar zählt jetzt dieses Blatt nur den 38. Jahrgang, da sein Erscheinen im Laufe der Zeit mehrfach unterbrochen werden musste — zuletzt noch während des „Ereihcitsiriihlings" im Zarenreiche, der weite Kreise der jüdischen Jugend und Intelligenz in einen solchen Taumel versetzte, dass sie nun wähnten, den „grossen Traum des Weltbürgertums" verwirklicht zu sehen und alles Spezifisch-Jüdische, namentlich aber das Nationalhcbräisehe, als „rückständigen Chauvinismus" verdammen zu sollen. Die wiederholten Unterbrechungen im Erscheinen der „Hazefirah" vermindern jedoch nicht die innere Bedeutung der Tatsache, dass ein führendes hebräisches Blatt seit einem halben Jahrhundert existiert. Die Hemmnisse wurden immer wieder überwunden. Die Beharrlichkeit der inneren Existenzberechtigung überdauerte die flüchtigen Jllusionen und Selbsttäuschungen. Diese Beharrlichkeit ist jedoch keineswegs gleichbedeutend mit starrer Unbeweglichkcit. Die Entwicklung der „Hazefirah" ist symptomatisch für den Werdegang der hebräischen Presse und Literatur während des letzten Halbjahrhunderts. Als bescheidene Wochenschrift wurde die „Hazefirah" vor fünfzig Jahren vom bekannten Astronomen und Naturwissenschaftler Chajim Selig Slonimsky in Berlin begründet, mit der ausgesprochenen Tendenz, im Geiste der „Berliner Haskalah" zu wirken. Dabei galten Mathematik und Naturwissenschaften als besonders geeignete Aufklärungsmittel. Jetzt ist die „Hazefirah" unter Leitung Nah um Sokolows (Fortsetzung auf Seite 185/180.)