Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Anmerkung der Redaktion
- Date
- 1913-02-01
- Page
- Seite 153 - 154 (sequence 2)
- Language
- German
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153 lüiijainin Scgrl: 'Meine Dcu-lite 154 Die anderen — 9 — Sprichwörter dieser .Auslese sind übrigens ebenfalls charakteristisch für die Sammlung — Herr Landsberger scheint wirklich eine glückliche Auswahl getroffen zu haben — Tür den Teil nämlich, der unzweifelhaft originell ist. . . . Hier eine kleine .Abschweifung. In der Vorrede zu seinen .Jüdischen Sprichwörtern" füllt Herr Landsherger förmlich wütend über zwei Rabbiner her, die Sammlungen von Weisheitssprüchen aus Talmud und Midrasch, wie er meint, ,,recht minderwertiger Art"' herausgegeben haben. Landsberger ist doppelt empört, als Literat über die Knittelverse und als „Glaubensgenosse" darüber, dass man „in beiden Sammlungen nicht den leisesten Hauch talmudischcn Geistes verspürt"'. < Woher aber hat Herr Landsbeiger die Talmud- und Midrasch- •sprüche, die seine Sammlung enthalten? Nun, aus der Originalquelle wohl, könnte man denken. Sagt ja Herr Landsberger ausdrücklich : „Natürlich hätte ich ans dem Talmud und Mid rasch Bände mit weisen Sprüchen füllen können"'. Sieht man sich aber die Sammlung näher an, so überzeugt man sich leicht, <lass Heri' Landsberger, wohl aus ehrfurch tsvoller Scheu, in diese Quellen auch nie einen Blick geworfen, vielmehr aueh liier entlohnt, verständnislos entlehnt hat. Ja, er hat sich nicht gescheut, sich seine Weisheit aus den Sammlungen zu holen, deren Verfasser er gebrandiiuirkt hat. Allerdings hat er Stil und Sinn fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, so dass man nicht bald dahinter kommen kann. Auel) den Beweis für diese ■unsere Behauptung hat uns Herr Landsberger durch seine Auslese im „Zeitgeist"' leicht gemacht. Hier ein Pröbchen: Ein Narr fragt einen Weisen: „Seit wann ist Gott?" Der spricht: ..Das lässt sich nicht beweisen, Sag mir, wann war er nicht?" (Landsberger, Jüdische Sprichwörter S. 40, zitiert im „Zeitgeist".) Herr Landsberger wird ja keinem jüdischen Leser, der diesen Namen verdient, einreden können, dass eine solche Geschmacklosigkeit und Blasphemie („Seit wann ist Gott?" ,,Das lässt sich nicht beweisen''-, antwortet der Weise!) jüdischen Ursprungs wäre. Dieses Geistesprodukt Landsberger ist eine Verballhornung einiger Verse in Max Weinbergs „Ewige Wahrheit", die gereimte Wiedergabe einer Stelle in Iba Chisdajs „Ben Ha-Meleeh weha-Nasir" und f o Igend e rmassen 1 au t en: Man fragte einen Weisen. ,,\Vo wohnt die Gottheit, sage?" ,.Im Herzen aller, denen »Sich aufdrängt deine Frage." Gnd als man fragt: „Seit wann ist Gott?'" — Er sprienc: „Sag' du mir Freund, wann war er nicht?" (Ewige Wahrheit S. S.) So heisst die Stelle bei demselben Weinberg, in dessen Sammlung Herr Landsberger, aber wohl nur er allein, „nicht den leisesten Hauch talmudischcn Geistes verspürt", die er als „Schändung heiligen Besitztums bezeichnet", „gegen die alle Glaubensgenossen Protest erheben" sollten. Eine zweite Sammhing talmudischer Sprichwörter verdammt Herr Landsberger mit ebenso scharfen, ja rüden Worten, vermeidet es aber, wohl aus zartsinniger Rücksicht, den Namen des Verfassers zu nennen und spricht bloss andeutungsweise von einem ,,Grossherzoglichen Provinziatrabbiner". Wir wollen ihn nennen, da er sich seines Buches „Die Lebensweisheit der tahnudischen Literatur"' keineswegs zu schämen braucht. Es ist Herr Dr. Leo Hirschfeld. Auch seine Sammlung enthält manches gut wiedergegebene Sprüchlein aus dem Talmud, manches, das Herr Landsberger beherzigen sollte. Hier eines: ..Die sind es. die die "Weltenorclnung stören Der erat noch lernt' und schon will lehren." (nach Sota 22a.) Wir schliessen hiermit die Diskussion und überlassen das Urteil ruhig unseren geehrten Lesern. DIE ORGANISATION DER JUEDISCHEN STUDENTEN. Von Dr. Ludwig .11... 11 ä ml <• r. Im Novemberheft dieser Zeitschrift wurde von den Vereinen jüdischer Studenten gesprochen. Der ältesten Organisation unter den Juden in der akademischen Welt ist dabei Erwähnung nich t geschehen, nämlich der Verbindungen im K. C. .Ihr Wesen kurz aufzuzeigen, muss i'ür jeden •luden Interesse haben. Denn ihnen wohnt innerhalb der Schar der jüdischen Vereinigungen ein ganz eigener Charakter bei. Sie wollen mit Rücksicht und unter steter Würdigung der angeborenen Eigenschaften des jungen Mannes, nämlich des Deutschen und des jüdischen, aus unserer Jugend geschlossene, eharaktcrfesle, starke und opferfreudige Persönlichkeiten machen. Man bedenke: Nicht darum handelt es sich, Parteigänger zu züchten, irgendeine Parfeischablone in die Gemüter hineinzuhämmern, die Unfehlbarkeit irgend einer Weltanschauung zu predigen, die Gemüter zu l'anatisieren. Was einer im K. G. glaubt, wie er zu den einzelnen grossen Fragen des Judentums und des Menschentums steht, ist nicht Sache des Urteils irgend einer Instanz. Wenn der Mensch nur mit sich im reinen ist, wenn er nur alles, was an die Niederungen des Daseins erinnert, von sich abstreift, kurz: ein Charakter werden will, so kann er Mitglied des K. C. sein. Doch diesen Endzweck wollen andere akademische Organisationen auch erreichen! "Wozu also jüdische Verbindungen zu diesem Zwecke schaffen? Weil Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vom Juden anderes heischen, als von seiner Umgebung. Das Ghetto hat Ghettospuren hinterlassen. Ghettospuren, welche der freien Bewegimg der Persönlichkeit in erheblichem Masse Schranken auferlegen, die unbe-