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Ost und West · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 79 - 80

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Article
Getauft
Date
1913-01-01
Page
Seite 79 - 80 (sequence 2)
Language
German
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79 Clementine Krämer, München: Getauft. 80 mein Junge,"--er besinnt sich einen Moment, wie er es dem kindlichen Verstand klar machen könne--„\veisst du, Fritz, es ist, wie wenn ein Neger auf einmal sagen wollte: So, jetzt werde ich durch irgend eine Zeremonie ein Weisser." Der Junge lacht aus seinen schönen braunen Judenaugen den Vater an. „Gelt, da lachst du," tagte dieser. „Ja, da würde jeder lachen, weil es so deutlich ist, wegen der Farbe. Aber es ist bei den Juden gewiss auch nichts anderes. Das sind eben auch zweierlei Rassen." „Die Juden gehören der semitischen Rasse an," bemerkt Fritz mit Schulweisheit. ,,So ist es", sagt der Vater, „das kann durch nichts geändert werden, verstehst du?" „Jawohl", erwiderte der Kleine langsam, „dann ist also der Cron auch gar kein wirklicher Christ gewesen. Das versteh' ich schon, aber warum hat ihn dann der liebe Gott doch von der Leiter herunterfallen lassen?"• Darauf nun wusste auch der Vater keine Antwort.--- RABBINER D£ JOACHIM JACOB UNOER. Zu den wenigen aus der vormärzlichen bis in unsere Zeit herüberreichenden jüdischen Gelehrten und Meistern der hebräischen Sprache gehörte der Mann, dessen Andenken diese Zeilen gewidmet sind und der nach 52jähriger, ununterbrochener Amtstätigkeit im der Iglauer Gemeinde am 16. Oktober 1912, wenige Wochen vor seinem 86. Geburtstage, sanft verschieden ist. Im Mittelalter besass Iglau, die einstige berühmte Bergstadt, deren Berggesetzgebung in ganz Deutschland anerkannt war und die auf ein Alter von 1100 Jahren zurückblickt, zu wiederholten Malen eine stattliche jüdische Bevölkerung, die durch den „Gerusch" Haus und Hof verlassen musste. Erst vor i ungefähr 6 Jahrzehnten ß bildete sich die heute statt- M liehe, schön^eingerichtete, jß; jüdische Gemeinde, deren ftf Aufblühen und Ansehen |j| zum nicht geringen Teil || ein Werk des verewigten % Dr. Unger ist. Als bezeich- \ nend mag der Ausspruch einer] angesehenen nicht jüdischen Bürgerin Iglaus nach dem unerwarteten Hinscheiden des allbeliebten Seelsorgers gelten: ,,Ohne den guten und treuherzigen Herrn Dr. Unger können wir unsere Stadt ■— es ist die zweitgrösste Mährens — uns gar nicht denken." Vierzig Jahre wirkte er auch als Religionsprofessor an den Lehranstalten der Stadt, von den Kollegen im Lehramte und den Schülern gleich geschätzt, aber auch von Kaiser Franz Josef I. mit einem goldenen Verdienstorden ausgezeichnet. Am 25. November 1826 wurde unser Joachim Jacob in der oberungarischen, alten Gemeinde Homona geboren und frühzeitig den hebräischen Studien zugeführt, erhielt er nach dem Besuche mehrerer Talmudschulen in Ungarn und zuletzt in der mährischen Gemeinde Leipnik an dieser die Automation, fürs Rabbinat. Nach Ablegung des Abiturientenexamens am Kön. Ung. Gymnasium zu Trentschin bezog Unger die Berliner Universität und trat in innigen Verkehr mit Rabbiner Dr. M i - chael Sachs und Prof. Lazarus, die Feine besten Freunde wurden. In Halle wurde Unger 1S5S zum Doktor der Philosophie promoviert. In M. E. Sterns hebräischer Zeitschrift ,,K o c h b e J i z c h a k" erschien 1846 Ungers erste hebräische, in Dr. Fürst's „Orient'' im Jahre 1849 die erste deutsche Arbeit, Und an 30 Werke und Zeitschriften zählten ihn seitdem, zum ständigen Mitarbeiter*). Seine „Hebräischen Dichtungen", „H i g g ä j o n bechinno r" — die 3. Auflage (1911) als Jubel ausgäbe**), in dieser Zeitschrift auch besprochen — zeigen Unger als Meister der hebräischen Dichtkunst, fast unerreicht in seiner Spezialität, in den Sonetten, die „Patriotischen;; Kasual-Reden", die , .'. „Fest- und Sabbat- [-k predigten" und seine ■■:„Gesammelten Auf- V-1 s ä t z e (1908)" dürfen in " keiner Bibliothek fehlen. Ununterbrochen wirkte Un- 1 ger, in den letzten25 Jahren,; auch nicht auf einen Tag ' Urlaub nehmend, in seiner Gemeinde und im stattf-'y" Ziehen Tempel, den er vor W 49 Jahren eingeweiht hatte. Von diesem aus bewegte sich ein fast unübersehbarer Leichenzug am 18. Oktober des verflossenen Jahres zum jüdischen Friedhof, den er auch vor vier Jahrzehnten eröffnet hatte und wurden seine sterblichen Ueberreste daselbst mit besonderen Ehren bestattet. Ueber ein halbes Jahrhundert betreute ihn seine biedere Gattin, Frau Johanna Dr. Unger geb. Fuchs, die langjährige Präsidentin des Iglauer Isr. Frauenvereins. Ihr und ihrer Familie wendet sich die Teilnahme aller zu, die Dr. Unger kannten, liebten und verehrten, aber auch seine Gemeinde, zahlreiche Schüler und ein grosser Freundekreis betrauern den treuen Seelenhirten und geistigen Führer, Lehrer und Freund, dessen Andenken ein gesegnetes stets bleiben wird. O. S. R. Moritz Antscherl-Wien. *) Besonderes Aufsehen erregten unter anderem s. 2. zwei Sendschreiben an den Vorstand der „Deutschen Morgcnländisclien Gesellschaft", zu deren ältesten Mitgliedern U. zählte. Er verlangte eine Stellungnahme dieser illustren Gesellschaft zur Eitualmordlüge. **) Von seinen gewesenen Schülern, an deren Spitze Dr. Siegmur.d Ehrlich, der langjährige Präsident des Wiener Journalisten- und Schriftsteller-Vereines .,Concordia" stand, herausgegeben. — Dr. Ungers Werke fanden auch Aufnahme in die Wiener IC. u. K. Hof- und Pa mitten-Fideicommiss-Bibliothek. Rabbiner Dr. Joachim Jacob Unger.

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