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Ost und West · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. None

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Date
1913-01-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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ÖST^fesTT ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^/ FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM, Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 1. Januar 1913. XIII. Jahrg. DER DRANG NACH OSTEN,*) Von Binjamin Segel. . lieber die Weltrichtungen in der Kulturgeschichte hat jüngst ein etwas zu vielseitiger Gelehrter, Dr. A. Wirth, geschrieben. Er hat sich dabei leider nur auf die Wechselwirkung zwischen Nord und Süd beschrankt. Sollte er, was zu befürchten ist, demnächst den Osten und den Westen in Arbeit nehmen, so wäre zu wünschen, dass er der Juden nicht vergässe. Ein hübsches Spiel zwischen Osten und Westen würde sich da ergeben, auf welches viel Gelehrsamkeit sich verbrauchen Hesse. Ein besonders dankbares Thema wäre der Drang nach den Juden des Ostens, der sich seit Jahren gewisser westlicher Kreise bemächtigt hat. Nicht etwa, dass man sich, nach ihnen sehnte, o nein, sondern man empfindet den imbezwinglichen Drang, sie unaufhörlich zu retten, immer und immer wieder zu ' retten. Jeder, der sein „Herz entdeckt", fängt damit an, die Ostjuden zu retten. Es ist gar nicht auszumessen, wie viel Rettungsstoff jedes Jahr im Westen zugunsten der „Ostjuden" verbraucht wird, an Vereins¬ und sonstigen Reden, Leit- und anderen Artikeln, sowie an Projekten, Vorschlägen und guten Ratschlägen. Von sonstigen Schlägen ganz zu schweigen. Auch Sombart wendet ihnen in erster Reihe seine Sorgfalt zu, nachdem er die Judenfrage für Deutschland kurzerhand durch Regelung der Geburten und Beschränkung der äusserst zulässigen Maximalziffer von Juden auf drei Prozent gelöst hat. Bezüglich der russischen und polnischen Juden schlägt er vorläufig ein ebenso einfaches wie geniales Mittel vor. Er würde nämlich wünschen, „vor allem auch im Interesse unserer westlichen und namentlich auch deutschen Juden, dass einstweilen nicht allzu viele Juden mehr aus dem. Osten zu uns kämen." Und das ist wieder einer der wenigen Punkte, in denen viele der anderen Experten mit ihm übereinstimmen. „Dieser stets neue, trübe Zuzug ist es, der sich .wie Bleigewicht an die rasch fortschreitenden Füsse „unserer" Juden hängt." „Aus Selbsterhaltungstrieb also sollten die hier wohnenden Juden einwanderungslustige Stammesgenossen abweisen." „Diese (die Assimilation *) Vergl. den Artikel „Der „Propheten" zweiter Teil" im Dezemberheft von „Ost und West". Jg. XII. nämlich) aber wird unwirksam gemacht durch die Einwanderung der Juden aus Russland und Polen. Verhinderung dieses Zuzugs wäre das sicherste Mittel, die Assimilierung, besonders der deutschen Juden, zu beschleunigen. . . Die abendländischen Juden wie die abendländischen Antisemiten müssen eine solche Sperrung wünschen, die Juden schon deshalb., um eine scharfe Trennungslinie ziehen zu können zwischen ihren kultivierten Elementen und einer Masse, mit welcher der gebildete deutsche Jude fast nichts mehr gemein hat." (Diese Stimme ist die lieblichste und sie stammt von einem geborenen Juden.) Das lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig und bildet den eigentlichen Grundton des ganzen Buchs. Nun dürfte es wohl erlaubt sein, folgende Betrachtungen anzustellen. Zunächst sind die sogenannten polnischen und russischen Juden deutsche Juden, wie schon ihre Sprache und ihre Familiennamen bezeugen. Nur wurden sie seit dem 13. oder 14. Jahrhundert aus Deutschland vertrieben und immer wieder vertrieben. Sie wandten sich nach dem gastfreien Ostenund nahmen dorthin ihre Sprache mit, die sie mit gewohnter jüdischer Zähigkeit und Treue bewahren. Wenn nun ihrer einige Hundert jährlich auf längere oder kürzere Dauer nach Deutschland zurückkommen, so ist ja das nichts anderes, als eine Repatriierung, eine Heimkunft in das Land, aus dem ihre Väter vor Jahrhunderten mit brutaler Gewalt, mit blutiger Faust, unter dem Vorwand allerlei wahnsinniger Beschuldigungen, wie Brunnenvergiftung, Hostienschändung und Blutritual, verdrängt worden sind. Martin Luther sagt: „So sehen wir auch noch durch ganz Deutschland ihre (der Jüden) Fussstapfen. Ist doch keine Stadt, kein Dorf, es hat Namen, Gassen von Jüden. Und man sagt, dass Jüden zu Regensburg gewohnt haben eine lange Zeit vor Christi Geburt. Es ist ein mächtig Volk gewest." Es ist sehr wohlfeil, ihre Sprache ein unverständliches, hässliches Mauscheln zu nennen. Viel gescheiter und würdiger wäre es, wenn die deutschen Akademien und gelehrten Gesellschaften Expeditionen ausrüsten würden, um ihre Sprache zu erforschen, denn es ist die Sprache, die in Oberdeutschland, be-

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