Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1109 - 1110

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Jüdische Hochzeitsbräuche in alter und neuer Zeit
Date
1911-12-01
Page
Seite 1109 - 1110 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584018-2603861--12495-2603961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1109 1110 JUEDISCHE HOCHZEITSBRAEUCHE IN ALTER UND NEUER ZEIT. Von Bar - A mi. (Fortsetzung aus lieft XI ) Der eigentlichenTrauunggehen eine ReiJie von Bräuchen und Zeremonien voraus, die bemerkenswert sind. Wahrend die Verlobung gewöhnlich im Hause und auf Kosten der Bräutigamseltern stattfindet, wird die Hochzeit im Hause und auf Rechnung der Brauteltern gefeiert. (Bindend ist das jedoch selbstverständlich nicht.) Kommt der Bräutigam aus einer anderen Stadt, so fahren ihm junge Leute, Altersgenossen aus der Verwandtschaft und dem Freundeskreise der Braut, festlich gekleidet, einige Meilen entgegen, um ihn zu begrüssen und einzuholen. An dem Tore des Stadt erwartet ihn eine Musikantenkapelle. -In manchen Gegenden hat sich der komische und unverständliche Brauch erhalten, dass der Bräutigam auf seinem Wagen siebenmal um das Rathaus herumfährt. Im Absteigquartier des Bräutigams nimmt dieser sodann, in die seidenen oder atlassenen Sabbatg'> wänder gekleidet, die pelz verbrämt'.1 S:ibbatmüt;.o auf den Kopf, an der Schmalseite eines Ti.-'ehns Platz, rings herum die Bachurim, welche ihn eingeholt haben, ebenfalls festlich gekleidet, aber mit gewöhnlichen Hüten auf den Köpfen. Andere Festgäste sammeln sich, aber halten sich abseits. Es ist üblich, dass, wenn der Bräutigam ein „Ben-Thora" ist, er bei dieser Gelegenheit den Tischgenossen ein „gutes Wort" zum besten gibt, woran sich eine gelehrte Diskussion knüpft. Es erscheinen nun die Frauen, die Mutter der Braut, Verwandte und andere Matronen, um dem Bräutigam Gruss zu entbieten. Sie erscheinen, verneigen sich, die Anw senden erheben sich von ihren Sitzen, erwidern den Gruss, dann entfernen sich die Damen schweigend. Nun kommt ei e eigenartige, halb komische, halb feierliche Huldig ng, die dem Bräutigam dargebracht wird. Der „Sarver" (der für die Hochzeitsfeierlichkeiten eigens bestellte Diener) erscheint mit einem silbernen (in bescheidenen Sphären wohl auch messingnen) Teller in der Hand, ruft mit Stentorstimme in die Versammlung hinein: „Der Bräutigam ist einem König vergleichbar.1) Schaaatz!" und setzt geräuschvoll den Teller auf den Tisch. Man deutet das Wort „Schaaatz" als eine Aufforderung zur Stille, zum Schweigen („scha!" sei still!) Es ist aber das mittelhochdeutsche Wort „schaz" Steuer, das auch ins Polnische unter der Form ,,szös" übergegangen ist. Die Mahnung will also besagen: Dem Bräutigam soll am Hochzeitstage, nach einem talmudischen Spruch, wie einem Könige gehuldigt werden; ihr Anwesenden, erlegt also euren Steuerpfennig! Die Steuer nimmt aber der „Sarwer" in Empfang, und der erste, welcher seine Schätzung in den Teller wirft, ist der „König" selber, ihm folgen die umsitzenden Bachurim und die andern Anwesenden. Bald erscheint der Badchan oder Marschalek mit den Musikanten und überbringt dem Bräutigam als Geschenk der Braut den Tallith und den Kittel, die beiden weiteren Insignien eines Baal-habbajith, eines richtigen, vollgültigen Mitgliedes der Gemeinde Israel. Die Geschenke ruhen auf einem silbernen Brett, in -]bzh HÖH 11. Nachdruck, verboten. manchen Gegenden bringt man sie auf der Trommel des Musikanten. Und nun beginnt das „Besingen" oder „Besagen" des Bräutigams. Der Badchan tritt als Prediger auf und hält an den Bräutigam eine mit improvisierten Versen durchflochtene Ansprache über die Bedeutung dieser weihevollen Stunde. Der Vortrag erfolgt nicht im Predigertone, sondern in einer Kantilene, stellenweise fällt die Musik ein, so dass es im wahren Sinne des Wortes ein „Singen und Sagen" ist. Diese sowie die folgenden Vorträge des Badclian sind (wie übrigen* die modernen Traureden auch) meist konventionell. Es gab aber Badchanim, die wahre Meister der Improvisation waren und dero Darbietungen köstliche btücke volkstümlicher Poc^o und Redekunst waren. Mi'tierweile hat im Hause cl--r Braut das „Besetzen" statt-ff'-l'unden. Die Braut wurde auf einen gepolsterten Stuhl gesetzt, umringt von jungen Mädchen und Frauen. Man flicht ihre Zöpfe auf und lässt das Haar auf die Schultern herabfliessen. Jetzt erscheint der Bräutigam in Begleitung der beiden „Unterführer", ihnen voran ein Reigen tanzender junger Mädchen. Er bedeckt das Haupt der Braut mit einem feinen, weissen Seidentuch. Dieser Akt heisst „Bedeckens". In manchen Gegenden nimmt diesen Akt der die Trauung vollziehende Rabbiner oder Honoratiore vor, wobei er der Braut den an die Erzmutter Rebbeka gerichteten Segen erteilt: „Schwester, mögen Tausende und Zehntausende dir entstammen!" W7o jedoch der Bräutigam das „Bedecken" vollzieht, wird er von den anwesenden, hinter dem Ehrensessel der Braut stehenden Frauen mit Höpfenblättern beworfen. In manchen Gegenden hat ein ästhetisierender Modernismus hier Rosenblätter eingeführt. Jetzt nimmt der Badchan, von den Musikanten umringt, auf einem erhöhten Platz hinter dem Sessel der Braut Aufstellung, um auch sie zu „besingen" oder zu „besagen". Der Stil ist derselbe wie vordem, nur. ist die Form jetzt viel eindringlicher, \värmor, rührseliger, auch die Musik ist auf einen weicheren Ton gestimmt. Die Braut weint, die anwesenden Frauen schluchzen. Es gilt als kein gutes Vorzeichen, wenn das Brautpaar am Tage dar Trauung nicht geweint hat. Die „Unterführer" geleiten dann den Bräutigam zur „Ghuppah", wobei die vorausschreitende Musikkapelle entsprechende Weisen spielt. Nachher begibt sich die Musik in das Haus der Braut, um diise abzuholen. Sie wird von den „Unterführerinnen" geleitet. Die Braut und ihre Begleiterinnen umkreisen den Bräutigam siebenmal. Ist eines der Brautleute Waise, so wird auf dem Weg zur Chuppah dreimal Halt gemacht. In manchen Orten wird in solchem Falle unter der Ghuppah vor der Trauung das Totengebet „Gott, der du bist voller Gnaden" vom Chasan vorgetragen; die herzergreifende Melodie macht da einen besonders erschütternden Eindruck. Die Eltern, und in Ermangelung dieser ein Aeltester der Gemeinde, segnen mit leiser Stimme vor der Trauung das Brautpaar. Darauf wird der Trauungsakt in der üblichen Weise vollzogen, dessen einzelne Phasen und dessen Entwicklung später eingehend geschildert werden sollen. (Fortsetzung folgt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.