Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Article
- Die Amerikaner vor dem russischen Trutzwall
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 1071 - 1072 (sequence 2)
- Language
- German
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1071 Revue der Ereignisse. 1072 schickte, offiziell zu begrüssen, zu bewirten und von der patriotisch aufgeregten Menge küssen und halsen zu lassen, so wird es schliesslich auch andere jüdische Gäste aus Amerika, wenn auch ohne Gruss und lvuss, bei sich beherbergen müssen. Ist aber einmal die erste Bresche in den Trutzwall Russlands geschlagen, dann werden schon die andern folgen. Nur dürfen auch wir nicht ermüden. Wo ein Wille, ist auch ein Weg. Und wo viele Willen sich zu einem grossen Gesamtheitswillen zusammenschmieden, da tut sich eine Welt voll Möglichkeiten auf. * * * Polen und Juden. Es ist immer und immer wieder dieselbe Erscheinung: der Gedrückte ist froh, wenn er seinerseits auch jemanden zum Drücken hat. Wir sehen es an den Finnländern, in deren Land die Juden so vollständig rechtlos sind, daß sich einige antisemitische Dumadeputierte den Spaß machen konnten, die Aufnahme eines „Gleichbcrcchtigungs"-Passus für die Juden in das in Beratung stehende Finnland-Knebelungsgesetz zu beantragen. Und wir sehen es an den Polen — in allen drei Reichen, in denen sie wohnen. Am wenigsten kommt noch Posen in Betracht, wo sie allerdings auch den Boykott der Juden sehr eifrig betreiben. Viel mehr Feld und Angriffspunkte haben sie schon in Galizicn, — nur daß sie hier nichts weniger als gedrückt sind. Die primäre Tyrannis aber, die sie da gegenüber Juden (und Ruthencn) entwickeln, ist der russischen fast gleichwertig. Ein Glück noch, daß die sonst sagenhafte Gentraigewalt des österreichischen Staates wenigstens das Allerschlimmste verhütet. Wirklich unterdrückte Bedrücker aber sind die Polen im russischen Teile ihres ehemaligen Landes. Ihre eigene Situation ist dort die peinlichste. Man denke ein stolzes, altes und scharf ausgeprägtes Kulturvolk auf Schritt und Tritt von brutalen Kosakenaugen kontrolliert, von brutalen Kosakenfäusten gefesselt. Alle Bildungsstätten russifiziert, alle freie Bewegung unterbunden. Und doch: das bisschen Atem, das sie haben, benützen sie, um die Juden anzuschnauben; das bisschen Politik, das sie führen können, um mit dem russischen Erbfeind gegen ihre eigenen, heimischen Juden zu intrigieren. Beispiele: Die russisch-polnischen Städte sollen Selbstverwaltung erhalten. Die Polen haben nichts Dringlicheres zu tun, als in der diesbezüglichen russischen Regierungsvorlage eine sehr weitgehende Entrechtung der Juden durchzusetzen. Die russische Regierung, will die Gelegenheit bonützen, um die in Russisch-Polen (nicht aber im eigentlichen Russland) bestehende Institution eigener jüdischer Gemeinden aufzuheben, — wodurch die Verwaltung der jüdischen Wohlfahrtsanstalten den Stadtbehörden anheimfallen würde. Wer steckt dahinter? Offenbar die Polen. Denn „cui prodest?"', wem nützt es, wenn nicht ihnen? Von den beispiellosen gesellschaftlichen Demütigungen und Drangsalierungen gar nicht zu sprechen, mit denen sie ihren Juden, — sie, die Gedrückten, den noch Gedrückteren, — zusetzen. Sie hätten freilich eine Entschuldigung: dass es andere unterdrückte Völker auch nicht besser treiben. Ja, aber warum lassen sie sich dann so gerne „edle Polen'' schimpfen? Als wären sie etwas Besonderes,, und als bliebe menschliche Niedrigkeit weit ab von ihnen. Und sitzt doch in ihrem Herzen wahrlich tief und warm genug. . . . ILLUSTRATIONEN ZU RUSSLANDS JUDENPOLITIK IN DEN LETZTEN MONATEN. (Fortsetzung aus Heft X und XL) . Nachdruck mit Quellcnanj Die Antisemiten drohen in der Duma, in den Duma-Kommissionen, in Versammlungen, in der Presse mit Pogromen. ° * * * In Kalarasch (Bessarabicn) versuchte eine von auswärts gekommene, mit Revolvern bewaffnete Bande einen Pogrom zu inszenieren. * * * In Keltzi (Polen) stürmte.' neu einberufene Rekruten die Synagoge und die jüdischen Läden. Es gab mehrere Schwer verwundete. * * * Der seinerzeit wegen Veranstaltung eines Pogroms verurteilte Nowihow wurde als Staatsbeamter in Tschcljabinsk angestellt. * * * Bei den berüchtigten und jetzt ungeheuer überhand nehmenden Oblawcn (Streifungen) wurden in Kiew auch z w c i j ü d i s c h e M ä d c hon, die sich gäbe gestattet. über ihr Wolmrccht in der Stadt nicht ausweisen konnten, in Haft genommen. Im Arreste wurden sie nun in der Nacht vom 29. auf den 20. Oktober Opfer eines unsittlichen Attentates von Polizisten. Das eine Mädchen wurde v e r g e - w a 11 i g t; das andere, das sich mit übermenschlicher- Kraft zur Wehre setzte, schwer misshandelt. Die Kiewer Aerzte geben bekannt, dass sie im letzten Monate dreimal soviel jüdische Patienten hatten, als im gleichen Monate des Vorjahres. Folge der durchlebten Schreckenstagc. * * * Der Odessaer Stadthauptmann Tolmatschew setzt seine Judcnvcrfolgungsarbeit unverdrossen fort. Er ist weiter mit der Feststellung der richtigen jüdischen Namen beschäftigt. Abgesehen davon, dass die Polizeireviere mit dieser Arbeit sich befassen.