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Ost und West · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 1069 - 1070

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Article
Der deutsche Judentag
Date
1911-12-01
Page
Seite 1069 - 1070 (sequence 2)
Language
German
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1069 Revue der Ereignisse. 1070 Freilich, es war erst ein Anfang, ein erster Schritt! Ein erster, ungewohnter Schritt auf neuen, ungewohnten Wegen. Und daher die eingangs erwähnten Kümmerlichkeiten. . . . Aber diese Wege werden vielleicht doch weiter führen. Man denkt unwillkürlich an die Idee eines all jüdischen Kongresses, die jüngst in diesem Blatte besprochen war, und für die der Judentag ein so beredtes Zeugnis ablegte. Und man denkt an den „Untergang der deutschen Juden", der in letzter Zeit vielen denkenden und ihrem Judentum sehr ergebenen Juden so drohend erscheint, und wagt wieder ein wenig zu hoffen. Vielleicht ist er doch noch nicht besiegelt. . . . „The Jewish Chronicle". Vor uns liegt ein gedrucktes Monument, — „die siebzigste Geburtstagsnummer" des „Jewish Ghronicle". 12. November 1841 (28. Cheschwan 5602) und 17. November 1911 (26. Cheschwan 5672) — so prangt es stolz auf dem Titelblatte. Und um diesen stolzen Eindruck noch zu steigern, liegt dem starken, reichen Hefte ein kleines vierseitiges gelbliches Papier bei, mit etwas verschwommenen kleinen Buchstaben bedruckt: die erste Nummer des „Jewish Chronicle" — vor siebzig Jahren! Was zwischen diesen beiden Nummern liegt, ist nicht nur Geschichte und Leben des „Jewish Chronicle", sondern auch ein gewaltiges Stück der Entwicklung des englischen Judentums. Moses Montefiore hatte Recht, als er am Tage seines Eintritts ins hundertste Lebensjahr dem Vertreter des „Jewish Ghronicle" (dem heute ältesten Mitgliede des Redaktionsstabes) sagte: „Sie haben keine Idee, welche Macht der „Jewish Chronicle" in der Allgemeinheit hat/*' Das Jahr 1841, in dem der „Jewish Chronicle" zu erscheinen anfing, war in Hinsicht auf die jüdischen Schicksale verhältnismässig ruhig. Aber die furchtbare Damaskus-Affäre zitterte noch in der ganzen Judenheit nach. Andererseits bereiteten sich auf dem Kontinente die grossen Umschwünge vor. Und die gesetzliche Judenemanzipation ging damals ihren letzten und entscheidenden Siegen in den A^erschiedenen Ländern, auch in England, entgegen. . . . Der „Jewish Chronicle" wuchs da nicht nur mit seinen grösseren Aufgaben, er schuf sie auch oder half sie schaffen. Dass sich in England eine jüdische öffentliche Meinung bildete, kann man getrost auf ihn zurückführen. Aber man darf auch nicht vergessen, dass er bald auch der nicht jüdischen Welt, und nicht nur Englands, als d a s führende Organ der Judenheit galt. Und er hat nicht nachgelassen, oder besser, er hat f seinen Höhepunkt noch nicht überschritten. Nicht vielen Zeitschriften ist es gegönnt, ein solches Jubiläum in solcher Jugendfrische und in solcher Geistesmacht zu feiern. Seiner heutigen Leitung gebührt herzlichster Glückwunsch, dass ihr ein so grosses Erbe geworden ist, und innigster Dank, dass sie es zu wahren und zu mehren so gut versteht. Die Amerikaner vor dem russischen Trutzwall. Von jüdischen Ausländern werden nur Handelsreisende, die protokollierte Firmen vertreten, nach Erfüllung beschämender Formalitäten und auch nur für kurze Zeit über die russische Grenze gelassen. Sonst ist das russische Reich ausländischen Juden verschlossen. Dieses Verhalten Russlands wird von den anderen Mächten ohne Murren ertragen. Ruhig lässt man es geschehen, dass ein Teil der gleichberechtigten Untertanen einen Vorteil seiner Staatsangehörigkeit, den die anderen Staatsbürger gemessen, entbehren muss. Man genehmigt einen Zustand, der in seinen rechtlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen eigentlich schon eine innere, staatsrechtliche Zurücksetzung der Juden bedeutet. Man hat damit schon in der Richtung jener Gefahr zu arbeiten begonnen, auf die wir in unserm Artikel „Genug der Versäumnisse. Ein Ruf zur Tat"1) aufmerksam machten, d. h. man hat angefangen, die russische Judenpolitik nachzuahmen. Nun kommt endlich die Nachricht von einem ernsteren Vorstoss gegen die von Russland ausgehende Verrussung der Wirtschafts- und politischen Sitten der zivilisierten Welt. Die „Vereinigten Staaten vvon Nordamerika'\ die sich schon jahrelang vergeblich bemühen, Rußland zu bewegen, dass es zwischen amerikanischen Bürgern christlichen und jüdischen Bekenntnisses keinen Unterschied mache, wollen sich nicht weiter abweisen lassen. Am 30. Oktober fand in New-York eine Versammlung von 400 Geistlichen aller christlichen Konfessionen unter dem Ehrenvorsitzc des 80järigen Bischofs James Courtney statt, die nicht nur an Rußland appellierte, den unterdrückten Völkern Gerechtigkeit zu verschaffen, sondern auch in der Passfrage! die entschiedensten Forderungen stellte. Die Versammlung war aber nur der Anfang einer starken Bewegung, die jetzt durch die ganze Union geht und Kündigung des amerikanisch-russischen Handelsvertrages verlangt, wenn Russland nicht nachgibt. Zuerst soll aber nach einem Rate Theodore Roosevclts das Haager Schiedsgericht angerufen werden. Wir wissen, dass es in letzter Zeit den höchststchenden russischen Persönlichkeiten einfach durch übertriebene Liebenswürdigkeit gelungen ist, die in Europa organisierten Mitglieder des Syndikats der amerikanischen Presse für sich einzunehmen, hoffen aber, dass dadurch die Haltung der amerikanischenPresse nicht geändert werden wird. Vorläufig fördert sie die oben geschilderte Bewegung, und diese hat auch alle Aussicht auf Erfolg, nicht nur auf inneren im Lande, sondern auch auf äusseren, gegenüber Russland. Denn dieses kann der Kündigung des Handelsvertrages mit Amerika nicht so kühl entgegensehen, wie seine Pogrompresse glauben machen möchte. Die amerikanische Freundschaft ist für Russland zumindest so wertvoll wie die russische für Amerika. Und wenn es sich vor einiger Zeit dazu bequemen musste, die amerikanisierten russisch-jüdischen Matrosen, die ihm Amerika mit feinem Spott mit als Flottengäste zul) Im Oktoberhefte dieses Jahres.

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