Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Martin Buber [Rezension]
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 999 - 1000 (sequence 2)
- Language
- German
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999 Literarische Rundschau. 100O sich seine „Drei Reden über das Judentum"0) wohltuend durch ihre Sprache aus. Sie war immer exquisit, etwa??ai exquisit, fanden viele. Vielleicht lag gar keine Absicht vor, aber man war doch verstimmt. Diesmal ist nun wirklich kein Grund vorhanden, es zu sein. Die Sprache ist einfach und edel wie der Inhalt. Gewiss, auch Buber macht manche unbewusste Konzessionen an den schwächlichen Zeitgeschmack, der sich im Klagen, Fürchten und Dozieren nicht genug tun kann. Aber er tut's mehr in einzelnen Wortanwendungen als in ganzen Sätzen, deutlich merkt man die Ueberwundenheit und Nebensächlichkeit für ihn selbst. Und was die Hauptsache ist, sein Weg ist nicht der der anderen. Was diese mit verständnisloser Gebärde, mehr ans Schamgefühl vor irgend einem nicht begriffenen, nichtjüdischen Richter, mit unverständlichen Andeutungen an das Ende setzen: das inhaltliche Judentum, — das setzt er an den Anfang. Namentlich im dritten und reichsten seiner Vorträge, den er „Die Erneuerung des Judentums'' nennt. Nachdem er das Judentum als geistigen Prozess aufgewiesen hat, der „sich in der Geschichte als das Streben nach einer immer vollkommeneren Verwirklichung dreier untereinander zusammenhängender Ideen vollzieht: der Idee der Einheit, der Idee der Tat und der Idee der Zukunft", ruft er nach einem neuen Gipfel der Idee der Einheit, nach einer neuen Tatgestalt des Judentums, nach einer neuen Erfüllung mit der messianischen Idee, mit einem Wort nach einer Erneuerung des jüdischen Geistes. „Wenn das Judentum nicht weiter ein Scheinleben führen, wenn es zu einem wahren Leben auferstehen soll, muss sein Geist erneuert werden, muss sein Geistesprozess von neuem anheben." Aber das ganze Volk muss erfasst werden, „der Geist muss ins Leben kommen." Und mit Beziehung auf die Ideen Achad-Haams: „Das Zentrum des jüdischen Volkes wird nur dann auch das Zentrum des Judentum:; werden, wenn es nicht um der Erneuerung willen, sondern aus der Erneuerung und durch sie geschaffen wird." Buber ist Zionist. Aber — „dann erst, wenn das Judentum sich n ieder ausreckt wie eine Hand und jeden Juden bei den Haaren seines Hauptes fasstund ihn im Sturm zwischen Himmel und Erde gen Jerusalem trägt, wie einst die Hand des Herrn den Jecheskiel ben Busi, den Priester, im Lande der Chaldäer fasste und trug, dann erst wird das jüdische Volk reif sein, sich ein neues Schicksal zu hauen, wo einst das alte zerbrach." Und Statistiken schrecken ihn nicht. Es will ihm scheinen, dass „für die Erschütterung von Grund aus", die dem von ihm erwarteten Aufschwünge vorangehen muss, „die ungeheure Zerrissenheit, die schrankenlose Verzweiflung, die unendliche Sehnsucht, das pathetische Chaos vieler heutiger Juden" gerade der günstigere Boden sind. Ich glaube, dass Bubers Optimismus — wenn es erlaubt ist, von seinem Verhalten das abgenutzte Popularphilosophenwort zu gebrauchen — schon durch seine Schrift selbst reichliche Rechtfertigung erhält. Wenn solcher Geist wieder umzugehen anfängt in unserem Volke, und Bubcr ist, wie ich schon andeutete, nicht der einzige, der ihn birgt und lihrt — dann kann noch alles gut werden. Ich sehe Tins wieder wachsen, bis an die Himmel Gottes heran. Unsere Auserwähltheit will wieder an den Tag. Unsere Zeit will wieder kommen ... pa. * 6) Martin Bllber, Drei Rede n ü b e r d a s J u - d e n t u m. L i t e r a r i s c h e Anstalt II ü 11 e n ifc L o e n i n g. F rankf urt a. M., 1911. Amerika. Ein Roman von Schalom A s c h. Im Verlag Neues Leben Wilhelm Borngräber, Berlin. Schalom Asch, dessen Eeder wir bereits manche zarte Novelle und manches, einzelne Gestalten wirksam darstellende Drama aus dem Gehege des russischen Ghettos verdanken, hat in diesem Werke zum ersten Male seine Kraft als Romanschreiber erprobt. Es liegt kein Anlass vor, diesen Versuch des Dichters mit Hosianna zu begrüssen: Anlage und Gliederung seiner Arbeit sind anfechtbar; das Ineinanderweben vieler Menschenschicksale will Asch hier nicht recht glücken; auch beweisen schon Aeusserlichkeiten wie die Schmückung jedes Buchabschnittes mit einer besonderen Ueberschrift, dass der Verfasser mit einer Anzahl auch ganz gut einzeln lesbarer Novellen bereits einen Roman geschrieben zu haben glaubte. Dieser Dichtungsgattung konnte Asch unter anderem deswegen nicht gerecht werden, weil seine Menschen als ewig zögernde Naturen dem von ihr zu verlangenden unaufhaltsamen Fortschritt der Handlung nicht zu entsprechen vermögen. Für jenen Mangel entschädigen aber prachtvolle Einzelheiten des Schicksalsgemäldes, das die Uebersiedlung russischer Ghettojuden nach Amerika und die rasche Wesenswandlung der auf dem Boden der neuen Heimat scheinbar Leiderlösten in reichem Earbenschimmer zeigt. So findet das ahasverhafte ewige Hin und Her des jüdischen Volkes und seine Gehetztheit in dem dargestellten Lose des kleinen Jossele, den die Behörden des „freien" Landes wegen eines im Grunde leicht heilbaren Leidens wieder zur Heimfahrt über das grosse Meer ins russische Städtchen und zur Trennung von seinen Eltern zwingen, eine ergreifende Andeutung. Voll Weihe und Schönheit ist die Schilderung derChanukkafeier in den Kajüten eines Auswandererschiffes sowie der Hinweis auf das Strahlengeleit, das in der Tiefe des Meeres und in der Höhe des Himmels Mond und Gestirne diesem Lichterfeste geben. Mit der Verzückung eines Psalmisten beschreibt Asch den Traum des bereits erdentrückten, hinter Messias und seinen Getreuen ins Land der Verheissungen gläubig wallenden Knaben. Eben wegen dieser Vorzüge sei das Werk hier angezeigt, das im Aufbau, in der nicht gerade eigenartigen Wiedergabe von Alltäglichem sowie in seiner keineswegs immer lobenswerten Neigung zum unbedingt Stimmungsvollen den Kunstrichter auch zu verstimmen vermag. Arthur Silbergleit. * ' * * Jüdischer Volksschriftenverlag, G. m. b. H., Frankfurt a. M. Aus diesem Verlag liegen uns vor Bd. 9 u. 1<> Dr. Weigl, Jüdische Helden (Hillel, Akiba, R. Jehuda. Hanassi. Raw). Bd. 11 Dr. L. Wreschner, Rabbi Akiba Eger, Bd. VI Er. Isaak Unna. Rabbi Elia, der Gaon von YVilna und seine Zeit, Bd. 6 u. 7 Max Speier, Daheim und draussen — Geschichtenbüchlein, Bd. 8 Feierstunden, ein Vortragsbüchlein. Ferner ein jüdischer Jugendkalencler für 5072 und ein Bilderbuch von Adele Sandler. Das Unternehmen des Jüdischen Volksschriftenverlags verdient Beachtung. Er bezAveckt die Schaffung einer von künstlerischen Motiven geleiteten jüdischen Volks- und Jugendbücherei und will die Kenntnis der jüdischen Geschichte jung und alt näher bringen. Die vorliegenden biographischen Arbeiten (Bd. 9, 10, 11, 13) können jedem empfohlen werden. Dass Dr. Weigl Nichtjucle ist, erhöht in unseren Tagen gewiss den Wert der mit echter Begeisterung geschriebenen Arbeiten, aber die besondere Hervorhebung dieser Tatsache auf einem beigelegten Zettel ist überflüssig. Die Bändchen G u. 7 sind als Jugendschriften gedacht, doch lassen die Erzählungen die Kenntnis der Kindespsyche vermissen. Der Jüdische Jugendkalencler zeigt neben geschmackvoller Anlage einige gute Arbeiten. Der belehrende Teil des Kalendariums, der die religiöse Bedeutung der einzelnen Monate und der Fest- und Gedenktage skizziert, hätte durch einen erfahrenen Schulmann sicher eine geschicktere Darstellung erfahren. Die Midraschim sind nicht vorsichtig gewählt und unschön übersetzt. Das Vortragsbüchlein bringt manche bei jüdischen Schulfeiern verwendbaren poetischen Beiträge und dürfte auch bei häuslichen Festen willkommen sein. Das Sandlersche Bilderbuch verdient Anerkennung. Endlich ein Bilderbuch, das an Stelle christlicher Darbietungen jüdische Stoffe behandelt. Es ist in moderner Manier gezeichnet. Vielleicht wäre es besser gewesen, alte bekannte Kinderreime zu illustrieren. N. St.