Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Dr. Ignaz Zollschan [Rezension]
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 997 - 998 (sequence 2)
- Language
- German
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907 Literarische Kundschau. 998 des Heins und Wirkens, der Grösse und der Bedeutung, der Gegenwart und der Zukunft Israel« gar niclit so vichtig ist, ■wie es den Anschein hat, und wie Zollschan glaubt. Es ist sehr verdienstlich, dass er auf wissenschaftlichen und ehrlich wissenschaftlichen Wegen ausgezogen ist, um die Ehre seines Stammes zu verteidigen und zu retten. Aber dass er, •ein Todwunder, heimgekommen ist, weil er nirgends den sicheren wissenschaftlichen Beweis fand, dass dieser Stamm auch weiterleben, aulleben und ins Grosse wirken werde, <lass er überhaupt nach wissenschaftlichen Beweisen suchte, wo der Lebensglaube entscheiden, beleuchten, waffnen soll — das gibt zu denken. Interessant sind dabei seine Unzulänglichkeit in der Frage des Genies und noch mehr seine redselige Hilflosigkeit in der Frage der Religion. Man sieht förmlich die rationalistische Wand, an die sein geschulter, leider nur zu gut geschulter Kopf anrennt, ohne sie durchbrechen und den Weg ins Freie finden zu können. Viel einfacher liegt der Fall bei T h e i 1 h a!> e r, <ler uns in seiner Schritt „Der Untergang des deutschen Judentums"3) von vornherein nicht mit grossen Prätensionen entgegentritt. Wenn er auch irgendwo so nebenbei merken lässt, dass ihn eigentlich das Schicksal der gesamten Judenheit beunruhigt, so beschäftigt er sich des Eingehenden <loch mir mit den deutschen Juden, und ohne sich auch bezüglich dieser auf die grossen Probleme des Rassenwertes und der Rassenleistung sonderlich einzulassen. Manche sind mit seiner Statistik nicht einverstanden. Ich bin nicht Fachmann genug, um da miturteilen zu können. Aber den Eindruck habe ich, dass seine Zahlen, auch wenn sie nicht überall richtig zusammen- und gegenübergestellt sein sollten, trotz alledem eine beredte Sprache führen. Und am Ende braucht man wahrlich keine Statistik, um herauszufinden, dass es nicht zum besten bestellt ist im — Staate Dänemark. Im Gegensätze zu Theilhaber geht mir Ruppin, <ler uns die zweite Auflage seines Buches ,,Dic Juden der (■»egenwart"4) präsentiert, tüchtig auf die Nerven. Nicht da.r> ich nicht anerkennen würde, dass er sich Mühe nahm, ordentlich unterrichtet zu sein, und dass er uns eine in ihrer Gedrängtheit ganz nette und übersichtliche, wenn auch wieder andererseits zu sehr zugeschnittene Darstellung der Assimilation und der nationalen Bewegung gibt. Aber ich kann mir nicht helfen, zwei Dinge in diesem Buche bringen mich, ganz ungehörig, wie ich zugeben will, auf: Erstens seine völlige Leidenschaftslosigkeit, für die es doch schon um einige Grade gelehrter sein müsste, als es ist, und zweitens gerade die in solchem Buchmilieu doppelt unerträgliche modische „Untergangs"-Note samt der obligaten, rein mechanisch angefügten Hoffnungsklausel. Zum Teufel! Wenn sich das Zollschan leistet, so hören wir dabei doch wenigstens das bange Pochen eines leidenschaftlich suchenden Herzens und sind einigermassen versöhnt. Theilhaber wieder beruhigt uns ein wenig durch die bescheidene Selbstbeschränkung seiner Aufgabe. Aber hier, bei Ruppin, ■wo die Beschreibung statistisch ist, nicht bloss die Ziffern, 3) Dr. Felix 0. Theilhabsr, Der U n terg a n g de r deutschen Juden. Eine volkswirtschaftliche Studie. M ü n c h e n 1911. Ernst Reinhardt, Verlagsbuc h h a n d 1 u n g. 4) Dr. Arthur Ruppin, Die Juden der Gegenw a r t. Eine sozial wissenschaftliche S t u - d i e. Zweite Auflag e. J ü d i s c h e r V e r 1 a g. Köln u. L e i p z i g , 1011. wo von dem heissen — um Sombart eine Freude zu machen — ,.Wiisten"atem des Judentums kaum nur noch oder erst ein leises, fast unmerkliches Häuchlein zu uns herüberweht — hier wollen sich Versöhnung und Beruhigung nicht einstellen. L'eberhaupt möchte ich von allen diesen jüngeren Rufern im Streite, den Propheten variierend, sagen: Wozu mir die Fülle eurer Theorien, eurer Ziffern, eurer Aengste, eures bedingten Zukunftsghuibens, eures potentiellen Judentums? Ich suche die seelische Tat in euch, das Schauen des Inhalts, die Zukunftsgewissheit durch Erkenntnis, den lebendigen Riesen des Judentums. Nicht die bewiesene Rassenpsyche, sondern die wirkende Seele Israels will ich bei euch finden. Und P a s m anik? Der Titel seiner neuen Schrift „Die Seele Israels"5) verspricht viel, der Untertitel „Zur Psychologie des Diasporajudentums" stimmt freilich die Erwartung wieder herab. Im ganzen ist das Buch ein unglückseliges Kompromiss zwischen den zwei Titeln und daher im Detail ein Neben- und Durcheinander der wunderbarsten sturmgetragenen Emporschwünge und der abgenutztesten, plattesten Banalitäten, sowie von Mischungsresultaten beider in Gestalt der seltsamsten Schnurren. So kann ich wenigstens es nur als Schnurre empfinden, wenn Pasmanik den Chassidismus als den jüdischen Galgenhumor bezeichnet. Wie glücklich könnten wir alle sein, Pasmanik inbegriffen, wenn in unserem heutigen Judentum nur halb soviel kondensierte Seelenmacht, nur halb soviel Inhaltsgestaltung läge, als im Chassidismus der ersten Konzeption! Immerhin, das will ich zugeben, in der Ahnung der jüdischen Seele und ihrer welteinsamen Souveränität ist Pasmanik allen, die wir hier in ihrem Ringen um ihren Anteil am Judentum belauschten, um ein gutes Stück voraus. Er beweist zwar noch immer gar viele Dinge, auf die man ganz anders qualifizierte Geistesarbeit verwenden sollte, aber er steht doch schon an der Schwelle und seine Blicke suchen sehnsüchtig durch die Thür zu dringen, die er sich selbst mit allerhand gar so gescheitem und gar so unweisem Rüstzeug verbarrikadiert hat. Ja, dieses verdammte Rüstzeug! Gibt's denn gar keine Juden mehr, die den Geist und den Mut hätten, ans Grossreinemachen zu gehen, das Gerümpel beiseite zu werfen, dass es nur so kracht, die Tür aufzubrechen und wirklich einzutreten in den Tempel Israels? Die den Geist und den Mut hätten, sich Statistik und Naturwissenschaft und alles das Beweisende für den wirklichen Wissenschaftsbetrieb und für die praktischen Hilfsdinge, die es angeht, zu reservieren, im jüdischen Leben aber wieder die geschaute Wahrheit, die grosse Tatsache jüdischer Ewigkeit und jüdischen Ewigkeitswirkens aufzurichten, auf dass alle die kleinen stümpernden Epigonen endlich sehen lernen?! Schon geraume Zeit bin ich der Ueberzeugung, dass solche Juden unter uns sind. Ich fühlte, wir stehen am Vorabend gewaltiger Einkehr, grosser Ereignisse in der Seele Israels. Und ich sagte mir, es muss Menschen geben, die von diesem Vorabend bis an den Rand ihrer Seele erfüllt sind, ich fand sie auch, und einer von ihnen ist M a r t i n B u b e r. Von den bisherigen Werken dieses Autors zeichnen 5) Dr. Daniel Pasmanik, Die Seele Israels. Zur Psychologie de s Diaspo r a j u d entu m s. J ü d i s c h e r V e r 1 a g. K ö 1 n u. L e i p z ig , 1911 -