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Ost und West · 1911-11-01 · Heft 11 (November 1911) · p. Seite 995 - 996

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 11 (November 1911)
Article
Werner Sombart [Rezension]
Date
1911-11-01
Page
Seite 995 - 996 (sequence 1)
Language
German
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aae LITERARISCHE RUNDSCHAU. „Wasmüs;en w ir für Prachtkerle sein, da sich eine ganze Welt mit uns beschüttigt!" . . . Dieses grobkörnige und leichtsinnige Selbstbewußtsein, das trotzdem reichlich mit Wut gegen die Antisemiten durchsetzt ist, konnte mir niemals gefallen. Denn einerseits muß man wohl erst darüber nachdenken, warum wir eigentlich das Interesse der Welt erregen, und soferne etwa die Gründe für uns nicht schmeichelhaft .sind, ob und inwieweit sie hinreich'.m. Andererseits aber kommt es füglich weniger darauf an, wie sich die Welt zu uns verhält, sondern wie wir uns selbst zu uns verhalten; und noch mehr, was wir sind und was in uns liegt, was in uns zur Erfüllung drängt und was in uns verdämmert. Wer sich zu dieser Erkenntnis durchgearbeitet hat, wird W e r n e r S <> m b a r t s Euch ,,Die Juden und das Wirtschaftsleben"') nicht mit der dumpfen Genugtuung quittieren, dass uns wieder einer als ./Prachtkerle" erkundet hat, aber auch nicht darüber sich aufregen, dass diese Erkundung und Bekundung an vielen Stellen einer Annagelung recht ähnlich sieht. Gewiss, es ist Sombart nicht gelungen, wie er sich's im Vorwort vornimmt, nur Wissenschaft und nicht auch sein subjektives Urteil zu geben. Und gewiss gewinnen wir aus diesem Urteile nichts weniger als das Bild eines „Philosemiten". Aber ich meine, wir sollten schon einmal einsehen, dass wir mit den Philosemiten nicht viel mehr Staat machen können, als mit den Antisemiten, und von beiden nicht gefördert werden. Im übrigen wird Sombart von der Dutzendkritik nicht anders behandelt, als jeder Dutzend-Philo- oder Antisemit. Nur mit dem allerdings erheblichen Unterschiede, dass die einen seinen Philo-, die anderen seinen Antisemitismus behaupten und diesen aus der zweiten, jenen aus der ersten Hälfte des Buches belegen. Die einen drucken, ich möchte sagen: freudestrahlend, seine Beweisführungen, ab, dass neben einigen anderen Komponenten hauptsächlich die Juden es waren, die die ganze moderne Wirtschaft begründeten, und dass es sicherlich ohne sie nicht gegangen wäre. Die andern ärgern sich gelb und grün über seine Ausflüge ins jüdische Seelenland, wo er die ,,Wüste" entdeckt. Ich aber sage: Waruni nicht aus beiden lernen, warum nicht beides kritisch beobachten? Warum mit der grossen ökonomischen Pionierrolle, die uns da zugeschrieben wird, nicht etwas weniger zufrieden sein? Fürwahr, das hat unseren armen Propheten noch gefehlt, dass sie sich in ihren späten und doch ach so rassegleichen Enkeln nachsagen lassen müssen, dass z. B. der Amerikanismus „zum sehr grossen Teile nichts anderes sei, als geronnener Judengeist!" Und wieder, warum gar so sehr vor der „Wüste" erschrecken und nicht lieber nachsehen, ob in ihr nicht ein Genius wohnt, den Sombart unentdeckt liess, weil er sozusagen nicht prädestiniert, fast mSehte ich sagen, nicht selbst wüstenhaft genug ist, ihn zu entdecken '! Im Verhältnisse zu seiner Art ist er übrigens der Entdeckung nahe genug gekommen. Und das ist ein Verdienst« das wir ihm anrechnen sollten, ob uns auch einige Ausdrücke» die er gebraucht, verstimmen, ob wir auch in manchen oder vielen Punkten nicht mit ihm gehen können, ob wir schliessx) Werner sombart, Die Judenun d d a s W i r t - schaftsieben. Leipzig. D u n c k e r & H u m - blot, 1911. Nachdruck verboten. lieh vielleicht auch seine Wüstenerklärung für zu hypothetisch empfinden. Es ist wahr, er erinnert zuweilen an den unseligen Chaniberlain, der uns so schwere Wunden zufügte. Allein nicht nur, das > sein Werk tausendfach solider fundamentiert ist, als das schwungvollere, aber durchaus legere und ungewissenhafte Chamberlains, hat es, wie schon lange kein anderes Buch, die Welt und uns selbst vor die Ahnung unserer Grösse gestellt. Und wie sehr hat die Welt und, — was uns die Hauptsache sein sollte —, wie sehr haben wir diese Ahnung nötig! Denn was ist uns Grösse des jüdischen Volkes? Wir kennen ja nur das Mitleid mit uns und mit den Juden da draussen unter den verschiedenen Knuten. Oder wir sehen im Judentum eine Kategorie, zu der wir gehören und der Geltung zu verschaffen eigentlich Ehrensache für uns ist. Wir sehen Probleme und Lösungen. Und wir sehen das alles ganz kühl, oder höchstens mit dem Fieber des Arbeitseifrigen und Kampflustigen, oder mit der Erwärmtheit des Hilfsbereiten, niemals aber mit der Wärme des Erlebenden, mit der schöpferischen Glut des Liebenden. Wir gehen so neben dem Judentum her, sehen hin und n ieder mit scheuen Blicken nach ihm und denken seufzend an — Chaniberlain . . . Wenigstens die Vordersten unter uns müssten Sombart weit voraus sein. Doch sie sind es leider nicht. Das apologetische Bedürfnis ist nur stärker in ihnen, weil sie eben selber Juden sind, die schon so und soviele Jahre jüdischer. Gesinnung hinter sich haben. Ihre Bejahung aber ist schwächer, geht durch schüttelnde Todesfurcht hindurch, die sie mit Mühe überwinden. Natürlich: Sombart, der nicht zu zittern braucht, kann von der Ahnung Israels wuchtiger gepackt sein. Es ist bezeichnend, dass sie alle widerlegen zu müssen glauben. Das zwingt sie dann, der Methode des Feindes 7A\ folgen, auf seiner Wahlstatt zu kämpfen, Negationen zu negieren, statt mit der ehernen Axt ewigkeitlicher Gedanken-. Gemüts- und Willensimpulse Wege über den karstigen Rücken der Zeit zu bahnen. Ich leugne ja nicht, dass man die Rassenfrage nicht vernachlässigen darf, dass es gut ist, der niederträchtigen Pseudowissenschaft eines Chaniberlain sowie seiner geistigen Vorfahren und Nachkommen entgegenzutreten; es fällt mir nur auf, dass man sich erst durch diesen Waffengang die Sicherheit jüdischer Grösse glaubt erkämpfen zu müssen. Und dass ich dann alle diese sonst so wackeren Kämpfer wohl stolz getragenen Hauptes vom Schlachtfelde gehen sehe, aber doch wieder im Grunde mit leeren Händen und leeren Herzen, — mit abstrakten Entwickhmgsmöglichkeiten. Da ist einer der Ersten und Kühnsten, Z o 11 s c h a n , in seinem ,.Rassenproblem".*J; Der Mann hat sich redlich gemüht und ist stellenweise sehr tief gedrungen, um die (relative) Rasseneinheitlichkeit des jüdischen Volkes und einerseits die qualitative Gleichheit, andererseits die quantitative Ungleichheit aller Kassenbegabung zu beweisen. Vieles von dem, was er sagt, ist einleuchtend. Vieles Messe sich anfechten. Aber ich glaube, dass dies alles für die Fragen 2) Dr. Ignaz Zollsciian, Das R assenp r o b 1 e in unter lies o n d erer Berücksichtigung de r theoretischen Grundlagen der jüdischen R assenf rage. Wien u. L e i p z i g. W i 1 h e 1 m Braumüller, 1910.

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