Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Der Traum vom neuen Kurs
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 955 - 956 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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955 Revue der Ereignisse. 956 schliefen sie ein und träumten gar süss. Und schlafen noch heute und träumen noch heute, träumen den Traum vom ,,neuen Kurs" . . . Und es ist leider kein Märchen, sondern Wahrheit, Wahrheit, die immer wieder sich ereignet und doch immer wieder überrascht: dass wir Juden so schnell zufriedengestellt sind, dass wir uns schon freuen, wenn wir nicht ganz verbrannt, sondern nur ein bisschen geröstet werden. Ein neuer Minister, der kein Scharfmacher zu sein scheint, — und wir sind beruhigt, oder hesser, wir sind ganz aufgeregt vor lauter Beruhigtsein. Wohl wissen wir von ihm, dass er sich schon 1906 in einem Ministerrat gegen jede Erleichterung in der Behandlung der Juden aussprach. Wohl hören wir von gutunterrichteten Leuten, dass er seinem innersten Wesen nach viel reaktionärer ist als Storypin. Wohl haben wir also vorläufig allen Grund, die Grenzen auch nur seines guten Willens nicht zu weit zu stecken. Und doch vergessen wir schon, dass selbst sein bester Wille nur ein Strohhalm ist, den in einem Nu die Blitze von oben fortbrennen, die Stürme unten knicken können. Die Enttäuschung ist auch schon auf dem Wege. Man hat es ziemlich authentisch durch alle Blätter A'erkünden lassen, der erste Ministerrat unter dem Vorsitz des neuen Premiers hat es gezeigt, die Taten, die überall in Russland weiter geschehen, haben es bestätigt: Es kommt noch kein neuer Kurs, nur die Tonart scheint etwas gefälliger zu werden. Aber selbst das ist noch nicht sicher. Und nun — sollte wirklich nichts anderes übrig bleiben, als eine Satire zu schreiben? Eine passende Ueberschrift ist ja da: Kokowzew als Erlöser . . . Die englisch-französische Schule. Die Lüge, dass die Salonikier Juden den Boykott gegen Griechenland angezettelt haben, hat bereits Früchte getragen. Die Griechen der Türkei und Griechenlands sind in erbitterter Stimmung, und so weit geht die Aufregung, dass ein angesehenes Athener Blatt den Boykott gegen die einheimischen griechischen Juden predigt. . . . Die „Times" können mit diesem Erfolge ihrer niedrigen Verleumdungen zufrieden sein.1) Im arabischen Orient wird seit einiger Zeit eine sehr nachdrückliche Hetze gegen die Juden betrieben. Sie macht sich besonders in Syrien fühlbar, und gibt unter anderen auch den Zionisten zu schaffen. Wenn dabei einer der Haupthetzer auf die Entartung und Verfälschung der semitischen Rasse der Juden in der europäischen Umgebung hinweist, so ist das ja höchst amüsant. Viel bedeutsamer und sehr ernst aber ist, dass dieser ganze neue arabische Anti- (Pardon, nicht -Semitismus, sondern -Arismus) von den christlichen Arabern ausgeht und diese eine kleine, aber durch französische Hilfe mächtige Gruppe bilden. :) Siehe „Ost und West1, Heft X „Die Pogrome in Süd-Wales". In der allerletzten Zeit fangen nun aber zum Ueborfluss auch manche türkische Kreise an, in Antisemitismus zu machen. Hauptsächlich ist es der „Ikdam", der die unsinnigsten Dinge über die Juden erzählt, um die türkische Bevölkerung aufzuhetzen. Kein Zweifel, dass auch hier gewisse englische und französische Einflüsse sowohl direkt als durch arabische und griechische Vermittler an der Arbeit sind, um die Naivität der türkischen Konservativen zu missbrauchen. Die englisch-französische Schule bewährt sich. . . . Die Zivilisation, die nicht Zeit hat. Nach der neuesten Wissenschaft sind wir Juden ausserhalb der Natur einherlaufende, unheimliche Zweck menschen, während das Leben der anderen einfach eine automatische Auslösung des Naturhaften in ihnen bedeutet. Für den zweiten Teil dieser Lehre bieten nun jedenfalls die Italiener einen überzeugenden Beweis. Denn das ist doch klar, dass sie nicht irgend einem Zweck zuliebe nach Tripolis zogen, sondern einfach ihrem Appetit, also einem gewiss naturhaften Triebe, gefolgt sind. Höchstens, dass dabei auch noch die ebenfalls recht achtbare und naturhafte Furcht, das Renommee zu verlieren, mitspielte. Waren sie doch tatsächlich schon nahe daran, von jeder guten europäischen Grossmacht als Tafelgenossen gemieden zu werden. Und es ging ja auch wirklich nicht weiter, den Mund immer nur offenzuhalten und doch nicht vollzunehmen. Na, und so dampften sie hinüber und eroberten leere Festungen — was der sonderbare sozialistische Heilige Defclice eine Verwaltungsrevolution, eine Erlösung der Araber und — ein Fest der Zivilisation nennt. Ach, die arme Zivilisation! Warum lässt man ihr z. B. in Sizilien so reichlich Zeit, sich einzufinden, und just gegenüber in Tripolis hat man's so eilig mit ihr? Und warum gerade jetzt, wo doch die Türken eben beweisen wollten, dass sie auch zivilisieren können? Oder sind denn wirklich nur die beiden Bischöfe von Rom, der katholische und der sozialistische, geeignet, die „Waffen der Zivilisation'' zu segnen? Warum sollte das letzten Endes nicht auch dem Scheik ul Islam und irgend einem türkischen Defelice glücken? Oder ist's vielleicht gar nicht die Zivilisation, die da keine Zeit hat, sondern bloss die Profitsucht italienischer Kapitalisten und der Landhunger der italienischen Imperialisten? Und es ist gar kein Fest der Zivilisation, das da stattfindet, sondern ein Bacchanal der Gewalt? . . . Und die würdevollen Tischnachbarn der abenteuerlustigen, schönen Frau Italia sind vielleicht gar Mitschuldige? . . . Und das ganze „Völkerrecht" füglich nur eine Menü-Karte, die die „Gänge" anzeigt . . .? Doch halt! Wohin uns nur unsere leidige jüdische Gewohnheit, zu fragen, verführt! Dass wir immer und immer nur zweifeln und nörgeln müssen! Dass das Heiligste vor unserem „Warum" nicht sicher ist! ... Ja, wenn man eine Seele hat, die aus Zweck ist .. .