Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Der Brand in Aidin
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 911 - 912 (sequence 2)
- Language
- German
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911 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Der Brand in Aidin. 912 ich nochmals darauf hinweisen, dass der Wassermangel die Hauptursache der Katastrophe gewesen ist. Der Vorsitzende der Kommission für die Wasserversorgung der Stadt, der die Verteilung des Wassers an die einzelnen Stadtteile zu bestimmen hat, verweigerte uns das zum Löschen erforderliche Wasser unter dem Vorgeben, dass das Wasser zum Schutz der nahe dem Judenviertel belegenen Moscheen gebraucht würde. Erst nach zweistündigen Versuchen und Bitten, Weinen und Schreien ist das Wasser zum Löschen im Judenviertel eingetroffen — da aber war es zu spät, es waren nur noch einige rauchende Mauerreste vom ganzen Stadtteil übrig geblieben. Da*» Verhalten dieses Vorsitzenden ist unbegreiflich. Ueberall reden die Leute von Gesetzlichkeit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit; hier aber hat man nichts als Uebelwollen gefunden. Gewollt oder nicht — jedenfalls sind heute über 2000 Personen zugrunde gerichtet, die Not ist gross, man kann wohl sagen unüberwindlich. Deshalb habe ich mir gestattet, Sie telegraphisch um eine erste Hilfe anzugehen. A r a n i a s. Aidin , 26. August 1911. Meinem Brief von heute morgen habe ich noch folgendes zuzufügen: Seine Exzellenz Nasim Pascha, der Gouverneur unseres Vilajets, hat unsere Klagen mit ausserordentlicher Liebenswürdigkeit angehört. Wie er sagte, hätte er es für seine Pflicht gehalten, selbst herzukommen und uns persönlich sein aufrichtiges Bedauern über das Unglück auszusprechen, das uns betroffen hat, und uns seiner herzlichsten Sympathie und Hilfsbereitschaft zu versichern. Für den Anfang hat er gleich 1000 Okka Brot aus Smyrna mitgebracht, hat uns 20 Zelte überwiesen und 30 weitere für morgen versprochen; er hat sofort eine Geldsammlung zugunsten der Abgebrannten organisiert und zu diesem Zweck ein internationales Comite gebildet. Ausserdem fehlt es auch nicht an privater Wohltätigkeit. Heute früh habe ich Jhnen bereits berichtet, dass Herr Perhi-Levy uns 400 Okka Brot und zwei Körbe Oliven zur Verteilung geschickt hat. Seitdem haben wir zwei liebenswürdige Beileidsschreiben von zwei Mitgliedern der hiesigen griechischen Gemeinde, den Herren Theohar Jorghiadis und Helia Mäguissali erhalten, denen 10 L. türkisch resp. 27a L. beigeschlossen waren. Schliesslich hat einer unserer Glaubensgenossen verschiedene warme Decken, Unterkleider, Hemden und Strümpfe an die Abgebrannten verteilt. 27. August 1911. Eben komme ich von Seiner Exzellenz Nasim Pascha, der kurz vorher das provisorische Zeltlager unserer unglücklichen Brüder besucht hatte. „Bestellen Sie den Armen in meinem Namen", sagte er, ,,dass ich mit der grössten Sorgfalt über ihnen wachen werde. Ich habe nach Konstantinopel berichtet und habe soeben von der Hohen Pforte günstigen Bescheid erhalten. Man beauftragt mich, es Ihnen an nichts fehlen zu lassen und mich zu Ihrer vollständigen Verfügung zu halten. Das habe ich. wie Sie wissen, seit gestern getan. Bitte wenden Sie sie)] wegen aller Sachen, die Sie brauchen, direkt an mich. Wenn die vorhandenen Zelte Ihnen nicht genügen, verlangen Sie mehr, ich werde sie Ihnen von Smyrna aus schicken. Ich habe dem Polizeikommissar aufgetragen, Tag und Nacht aufzupassen. Die Stadtverwaltung wird es übernehmen, jeden Morgen durch ärztlichen Besuch den Gesundheitszustand der Abgebrannten kontrollieren zu lassen, damit in der augenblicklichen Epidemie - Besorgnis nicht noch schlimmere Uebel zu befürchten sind. Seien Sie also ohne Sorge, und der Allmächtige gebe Ihnen die Geduld, die Sie so notwendig brauchen!" Nach diesen liebenswürdigen und wohlwollenden Worten verliess uns der Gouverneur und nahm alle unsere Segenswünsche mit. Hof fen wir, dass den Worten auch die Tat folgen wird. Heute haben wir kein Brot zu verteilen gebraucht, weil die meisten Leute mit der gestrigen Ration für zwei Tage reichen, nur einige kinderreiche Familien haben einige dreissig Okka Brot nachgeliefert bekommen. Was uns für den Augenblick die grösste Besorgnis einflösst, ist das enge Beieinanderwohnen von 3—4 Familien unter demselben Zelt; die 2000 durch den Brand obdachlos gewordenen Personen sind ganz dicht zusammengepfercht. Wir werden unser Möglichstes tun, um die grösste Sauberkeit zu erhalten, das ist zurzeit das Wesentlichste. Aranias. Zur vorläufigen Linderung der Not hat die Alliance Israelite Universelle sofort 50CO Francs auf telegraphischem Weg nach Aidin gesandt.