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Ost und West · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 901 - 902

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Tondichtungen alttestamentlicher Texte von Johann Sebastian Bach
Date
1911-10-01
Page
Seite 901 - 902 (sequence 1)
Language
German
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'901 902 TONDICHTUNGEN ALTTESTAMENTLICHER TEXTE VON JOHANN SEBASTIAN BACH. Von Dr. Leopold Hirschbcrg. Nachdruck verboten. Zwei der Grössten ihrer Kunst, von denen die Geschichte bis in fernste Zeiten erzählen wird, J o h a n n Sebasti anBach und Georg F riedrichHändel, strebten als Zeitgenossen auf verschiedenen Wegen demselben Ziele — die Musik aus den Banden scholastischen Zwanges zu befreien —■ zu. Beide gingen in den Offenbarungen ihrer Kunst von der Bibel aus; Bach vorwiegend vom Neuen, Händel vom Alten Testament. Selbst des letzteren „Messias" ist in gewissem Sinne nur als der Schlussstein des gewaltigen Gebäudes, wel 3hes er aus seinen 14 Oratorien alttestanientlichen Inhalts aufführt*, zu betrachten. Bach, der strenge Lutheraner, der tief-innerliche fromme Mann, ist der Mehrzahl der Musikfreunde eigentlich nur als Tondichter neutestamentlicher Stoffe bekannt; die verschiedenen Passionen, Messen und allenfalls einige Kantaten sind es, die allmählich volkstümlich zu werden beginnen. Wenn man in stummem, ehrfürchtigem Staunen vor •den 46 Foliobänden der grossen Ausgabe der Bach-Gesellschaft, die sich die Veröffentlichung, seines Lebenswerkes zur Aufgabe gemacht hat, steht, so verzagt ein gewöhnlicher Sterblicher, in den unermesslichen Reichtum dieses .gottbegnadeten Mannes auch nur einigermassen eindringen zu können. Hat doch ein Forscher mit Recht hervorgehoben, das? die ganze nur denkbare Musik schon in Bachs Cantaten enthalten sei. Noch niemals aber ist merkwürdigerweise diese unerschöpfliche Fundgrube planmässig daraufhin durchforscht worden, inwieweit der unsterbliche Meister sich auch dem alten Testament zugewendet hat. Eine genaue Bibelkenntnis, wie wir sie heutzutage eigentlich nur bei Fach-Theologen antreffen, war in früheren Zeiten etwas ganz Gewöhnliches; und somit ist es Aveiter nicht wunderbar, wenn Bach Altes und Neues Testament in gleicher Weise völlig beherrschte. Dass er sich — im Gegensatze zu Händel — zu dem letzteren mehr hingezogen fühlte, ist aus seiner ganzen Geistesrichtung leicht verständlich. Wir werden aber in nicht geringes Erstaunen versetzt, wenn wir ersehen werden, dass Bach nicht weniger wie 53 verschiedene alttestament- 1 i o h e T exte in Musik gesetzt hat, und zwar aus den verschiedensten Büchern. Den Löwenanteil beansprucht natürlich, wie immer, der Psalter: dann folgen Jeremias, Jesaias, Mose, Samuel, Hiob, Hosea, Micha und Sirach. Diese Stücke verteilen sich auf die 19S Cantaten und 8 Motetten des Meisters und sollen im folgenden zum erstenmal gleichsam katalogisiert und hier und. da mit Bemerkungen versehen werden. Die im Neuen Testament vorkommenden alttestamentlichen Zitate sind nicht berücksichtigt. Die N u m m e r n der Cantaten und Motetten stimmen mit denen der oben erwähnten grossen Bach-Ausgabe übercin. I. Die Bücher Mose. 1. Bnc h 1, Kap. 21, V. 22. Cantat e 71. Was Bach aus den Worten: „und Gott ist mit dir in allem, was du tust" musikalisch gebildet hat, ist in gewissem Sinne typisch für alles Folgende. Er bedarf nur weniger Worte, um den Reichtum seines Innern zur Entfaltung zu bringen. Ein fugierter Chor von 38 Takten beleuchtet den schlichten Satz so staunenerregencl und erschöpfend von allen Seiten, dass nur wir Heutigen, die wir in diesen Wundermann tiefer eingedrungen sind, seinen Wert zu schätzen vermögen, während manch einer der perückentragonrlcn Ratsherrn der Kaiserlich, freien Reichsstadt Mühlhausen am 4. Februar 1708 gegähnt und den Fest-Komponisten der Ratswahl im Innern verwünscht haben mag, dass er dadurch so lange vom Pokulieren ferngehalten ward. 2. Buch 1, Kap. 32, V. 26. Motette Anhang 2. Die berühmten Worte des ringenden Jakob: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn" haben dem Meister zu einem Werke Veranlassung gegeben, dem gegenüber jedes Wort der Bewunderung oder des Lobes schal und nichtig erscheint. Zwei vierstimmige Chöre ruft er sich herbei, um von diesen unablässig die innigen, bedeutungsvollen Worte wiederholen zu lassen und damit ein Opfer auf dem Altar seiner Frömmigkeit niederzulegen, wie es inbrünstiger nicht zu denken ist. — In kürzerer Form verwendet er die Worte in der Cantate 157 und beweist dadurch, wie tief er von ihnen ergriffen worden ist. 3. Buc h 5, Kap. 33, V. 25. Cantate 71. Die Worte: ..Dein Alter sei wie deine Jugend" bilden die Ergänzung des unter Nr. 1 geschilderten Chores. II. Die Bücher Samuelis. 4. Buc h 2, Kap. 19, V. 35 u. 37. Cantate 71. Bach hat beide Stellen zusammengezogen und sich dabei nicht ganz streng an den Bibeltext gehalten. „Ich. bin nun achtzig Jahr, warum soll dein Knecht sich mehr beschweren? Ich will umkehren, dass ich sterbe in meiner Stadt, bei meines Vaters und meiner Mutter Grab" bilden eine himmlisch-ergreifende Arie des Tenors, in der die Begleitung die Müdigkeit und die Beschwerden des Alters malt. Tröstend schwebt eine Sopran-Stimme mit der Choral-Melodie „O Gott du frommer Gott" darüber. III. Das Buch Hiob. 5. Kap. 19, V. 25. Cantate IGO. Jede ernste Sängerin kennt Händeis unsterbliche Arie aus dem Messias: „Ich weiss, dass mein Erlöser lebet". So schön sie Bach auch bringt, hier kommt er Händel nicht gleich. IV. Der Psalter. 6. Psalm 19, V. 2 u. 4. Cantate 7ß. In freudigster Pracht setzen Trompeten und gleich darauf, in seliger Heiterkeit beschwichtigend, Violinen zum Vorspiel ein; dann spricht eine Bassstimme „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" vor, was alsobald vom jubelnden Chor wiederholt und fortgeführt wird: „Und die Veste verkündiget seiner Hände Werk". Wenn sich dann die fa,st stürmischen Wogen dieses Hymnus geglättet haben, gibt eine Tenorstimme das Thema zu einer grossen nachdenklichen Fuge an: „Es ist keine Sprache noch Rede, da man nicht ihre Stimme höre": ihr folgen nacheinander und immer eifriger der Bass, Sopran und Alt und reissen den ungeduldig zuhörenden Chor zu förmlich namenloser Begeisterung fort. Und nun entschliessen sich zuerst alle Sopranstimmen, die Solistin kühn verdrängend, zur Aufnahme der Worte; dann muss die Solistin des Alts weichen; endlich werden auch nacheinander die beiden Männer-Soli von der Allgemeinheit verschlungen: ein Ensemble-Satz von ganz unbeschreiblicher Kunst. 7. Psalm 22, V. 27. Cantate 75. Ueber das Meisterstück technischer Arbeit, das Bach in dem Chor: „Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; und die nach dem Herrn fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben" gibt, zu sprechen, hicsse Eulen nach Athen tragen. Aber die wundervolle, sofort im Vorspiel einsetzende, die „Elenden" mit schier menschlicher Stimme tröstende Oboe: sei erwähnt, um uns den Menschen Johann Sebastian Bach, mit seinem Herzen voller Mitgefühl für die Leidenden, nahe zu bringen. 8. Psalm 25, V. 1, 2, 5, 15. Cantate 150. Aus den 4 Versen werden 3 bedeutungsvolle, ganz verschiedene Chöre gebildet. Inbrünstiges Sehnen wechselt mit freudigem Hoffen: „Nach dir, Herr, verlanget mich. Mein Gott, ich hoffe auf Dich. Lass mich nicht zu Schanden werden, dass sich meine Feinde nicht freuen über mich". Ergebung und Glaubenskraft lebt in den Worten: „Leite mich in Deiner Wahrheit, und lehre mich; denn Du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich Dein". Und wie ein sanftes Pastorate

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